
Swatch, Stöckli, Victorinox: Wie Schweizer Firmen Millionen aus Washington zurückholen
Es ist ein Satz, der in den Geschichtsbüchern des internationalen Handelsrechts stehen wird: Die Zölle, die Donald Trump seit April 2025 im Alleingang verhängt hat, sind verfassungswidrig. Das oberste Gericht der Vereinigten Staaten hat dem Präsidenten die Befugnis abgesprochen, per Dekret Handelstarifsätze zu erheben, die der Kongress nie genehmigt hat. Ab Montag, dem 21. April 2026, beginnt die US-Zollbehörde mit der Rückerstattung – und Schweizer Firmen wie Swatch, Stöckli und Victorinox gehören zu den ersten, die ihre Ansprüche geltend machen.
Das Urteil ist mehr als ein juristischer Schlusspunkt. Es ist die institutionelle Antwort auf eine Handelspolitik, die wie wir Anfang April in unserer Jahresbilanz der Trump-Zölle aufgezeigt haben, den globalen Handel seit 2025 massiv verzerrt hat. Doch die Rückerstattung ist kein einfacher Rückwärtsgang. Sie wirft neue Fragen auf – juristische, ökonomische und politische.
Darum geht's
- Der US Supreme Court hat Trumps Strafzölle für illegal erklärt. Ab Montag beginnen die Rückerstattungen an betroffene Importeure.
- Schweizer Unternehmen wie Swatch, Stöckli und Victorinox haben Millionen an unrechtmässigen Zöllen bezahlt und fordern nun Rückzahlungen.
- Das Urteil stellt das grösste handelspolitische Experiment seit den 1930er-Jahren grundsätzlich infrage – mit Folgen für die gesamte Architektur des Welthandels.
- Die Rückabwicklung wird Monate dauern und birgt neue Risiken: Der Kongress könnte versuchen, die Zölle nachträglich gesetzlich zu verankern.
Washington: Das Urteil und seine tektonische Wirkung
Die Entscheidung des Supreme Court markiert eine der schärfsten Niederlagen der Trump-Administration in der zweiten Amtszeit. Laut SRF hat das Gericht entschieden, dass der Präsident seine verfassungsmässigen Befugnisse überschritten hat, als er ohne Zustimmung des Kongresses breit angelegte Importzölle verhängte. Die rechtliche Argumentation stützt sich auf die sogenannte «Nondelegation Doctrine» – den Grundsatz, dass weitreichende fiskalische Entscheidungen nicht an die Exekutive delegiert werden können, wenn der Kongress keine ausreichend klaren Leitlinien formuliert hat.
Ab Montag beginnt die US-Zollbehörde (U.S. Customs and Border Protection) mit der Verarbeitung von Rückerstattungsanträgen. Betroffen sind Importeure weltweit, die seit dem 2. April 2025 – dem Stichtag der sogenannten «Liberation Day»-Zölle – erhöhte Tarife bezahlt haben. Die Grössenordnung ist enorm: Über ein Jahr lang haben Unternehmen aus dutzenden Ländern pauschale Zollaufschläge auf Waren von Stahl bis Luxusuhren entrichtet.
Was das Urteil besonders brisant macht: Es stellt nicht nur die konkreten Zölle infrage, sondern auch das Instrument selbst. Trumps Handelspolitik basierte auf dem «International Emergency Economic Powers Act» (IEEPA) und dem Trade Act von 1974 – Gesetze, die dem Präsidenten in Notlagen weitreichende Befugnisse einräumen. Der Supreme Court hat nun de facto entschieden, dass Handelskonflikte keine solchen Notlagen sind. Das dürfte auch künftige Administrationen daran hindern, Zölle als Druckmittel einzusetzen, ohne den Kongress einzubeziehen.
Bern und die Boardrooms: Was Schweizer Firmen jetzt tun
Für Schweizer Exporteure ist das Urteil ein Wendepunkt. Wie SRF berichtet, gehören Swatch, Stöckli und Victorinox zu den Unternehmen, die aktiv Rückerstattungen fordern. Die Grössenordnung der einzelnen Ansprüche ist bisher nicht öffentlich beziffert – aber die Dimension lässt sich abschätzen.
Die Schweiz exportiert jährlich Waren im Wert von rund 50 Milliarden Franken in die USA. Die Uhrenindustrie allein liefert Zeitmesser im Wert von mehreren Milliarden Dollar. Auf diese Exporte fielen seit April 2025 pauschale Zollaufschläge an – zusätzlich zu den ohnehin bestehenden Tarifen. Für ein Unternehmen wie Swatch, das ein breites Markenportfolio von Omega bis Tissot in die USA liefert, summieren sich selbst moderate Prozentsätze zu erheblichen Beträgen.
Stöckli, der Engelberger Skihersteller, und Victorinox, der Schwyzer Messerproduzent, stehen exemplarisch für den industriellen Mittelstand, der die Zölle besonders hart getroffen hat. Anders als Grosskonzerne können KMU die Mehrkosten weder intern absorbieren noch an Endkunden weitergeben, ohne Marktanteile zu verlieren. Viele haben in den letzten zwölf Monaten Lieferketten umstrukturiert, Preise angepasst oder US-Geschäft reduziert.
Die Rückerstattung wird für diese Firmen kein einfacher Prozess. Anträge müssen dokumentiert, Zollquittungen vorgelegt, Berechnungen mit der US-Zollbehörde abgestimmt werden. Branchenexperten rechnen damit, dass die Abwicklung sechs bis zwölf Monate dauern könnte – vorausgesetzt, es gibt keine politischen Gegenreaktionen aus Washington.
Europa: Zwischen Erleichterung und strategischer Neuberechnung
Das Urteil hat auch jenseits der Schweiz unmittelbare Konsequenzen. Die Europäische Union, die als grösster Handelsblock ebenfalls von den Trump-Zöllen betroffen war, steht vor einer doppelten Herausforderung: Einerseits müssen europäische Importeure ihre Ansprüche geltend machen. Andererseits stellt sich die Frage, ob die EU ihre eigenen Vergeltungszölle aufrechterhalten kann, wenn die US-Zölle als illegal eingestuft wurden.
Brüssel hatte nach dem «Liberation Day» 2025 eigene Schutzmassnahmen ergriffen – darunter jenes EU-Stahlschutzregime, über das wir kürzlich berichteten und das die Schweizer Metallindustrie in die Enge treibt. Wenn Washington seine Zölle nun zurückzahlt, verlieren die europäischen Gegenmassnahmen ihre Rechtsgrundlage im WTO-System. Ein Abbau der EU-Zölle würde wiederum den Schweizer Stahlsektor entlasten – eine der vielen Kaskadeneffekte, die das Urteil auslösen könnte.
Für Deutschland, das ohnehin mit der längsten Rezession seit 20 Jahren und dem Kerosinengpass kämpft, kommt das Urteil zur richtigen Zeit. Die deutsche Exportindustrie – von der Autoindustrie bis zum Maschinenbau – war überproportional von den US-Zöllen betroffen. Allein BMW und Mercedes dürften Rückerstattungen in dreistelliger Millionenhöhe geltend machen können.
Peking: Der stille Gewinner mit dem grössten Fragezeichen
China war das Hauptziel von Trumps Zollpolitik. Auf chinesische Waren lagen Zollsätze, die teilweise weit über 100 Prozent betrugen. Die Rückerstattung könnte für chinesische Exporteure und ihre amerikanischen Handelspartner Summen in der Grössenordnung von Hunderten von Milliarden Dollar umfassen – vorausgesetzt, das Urteil wird auf alle Trump-Zölle gleich angewandt.
Doch genau hier liegt die Unschärfe. Die ersten Zölle gegen China wurden bereits in Trumps erster Amtszeit (2018/19) unter dem Trade Act Section 301 verhängt – einem anderen Rechtsrahmen als die «Liberation Day»-Zölle von 2025. Es ist juristisch noch nicht geklärt, ob das Supreme-Court-Urteil auch diese älteren Tarife erfasst. Peking dürfte auf eine maximale Auslegung drängen; Washington wird versuchen, die Auswirkungen einzudämmen.
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Erstgespräch buchen →Bemerkenswert ist die Zurückhaltung in den chinesischen Staatsmedien. Statt das Urteil als grossen Sieg zu feiern, betonte die Global Times in einem Kommentar, dass «die strukturellen Probleme im bilateralen Handel nicht durch Gerichtsurteile gelöst werden». Diese Nüchternheit hat Gründe: China hat sein Exportmodell in den letzten 18 Monaten radikal diversifiziert – weg von den USA, hin zu Südostasien, Afrika und dem Globalen Süden. Eine Rückkehr zum Status quo ante wäre für Peking strategisch gar nicht wünschenswert.
Schwellenländer und Asien: Wer profitiert, wer verliert
Für Volkswirtschaften, die zwischen den Handelsblöcken eingeklemmt sind, hat das Urteil gemischte Auswirkungen. Vietnam, Bangladesch und Indonesien hatten sich als Ausweichstandorte für Produktionsverlagerungen aus China positioniert – ein Trend, der durch die Trump-Zölle massiv beschleunigt wurde. Wenn nun die Zölle auf chinesische Waren fallen, könnten Investitionsströme wieder zurück nach China fliessen.
Japan reagierte laut Channel News Asia pragmatisch: Tokio begrüsse zwar das Ende der illegalen Zölle, bleibe aber besorgt über die geopolitische Unsicherheit – insbesondere mit Blick auf die weiterhin ungelöste Iran-Krise. Die japanische Wirtschaft, die sich diese Woche noch über Börsenhochs freute, muss nun zwei gegenläufige Kräfte verarbeiten: sinkende Handelsbarrieren einerseits, steigende Energiekosten andererseits.
Indien, das seine Pharmaexporte laut Economic Times auf ein Fünfjahrestief fallen sah – unter anderem wegen der Verwerfungen durch den Iran-Krieg und Handelsbarrieren –, könnte vom Urteil profitieren. Die indische IT- und Pharmabranche war von den US-Zöllen direkt betroffen. Gleichzeitig verschärft die Energiekrise den Druck auf die Importbilanz, was die Rückerstattungsgewinne relativiert.
Der Kongress: Die nächste Schlachtlinie
Das Supreme-Court-Urteil beendet die Zollpolitik nicht – es verlagert sie. Bereits am Donnerstag haben republikanische Senatoren angekündigt, Gesetzesentwürfe einzubringen, die dem Präsidenten explizit das Recht einräumen sollen, Handelszölle zu verhängen. Wenn der Kongress die Zölle nachträglich legitimiert, wäre das Urteil des Supreme Court zwar nicht aufgehoben, aber seine praktische Wirkung erheblich eingeschränkt.
Die politische Dynamik ist komplex. Innerhalb der Republikanischen Partei gibt es eine wachsende protektionistische Fraktion, die Trumps Zölle als Erfolg betrachtet – trotz des Urteils. Gleichzeitig haben sich Wirtschaftsverbände und grosse Arbeitgeber gegen eine legislative Neuauflage positioniert. Die Demokraten wiederum stehen vor einem Dilemma: Sie haben das Urteil begrüsst, könnten aber bei gewerkschaftsnahen Zöllen (etwa auf Stahl und Aluminium) zu Kompromissen bereit sein.
Für Schweizer Unternehmen bedeutet das: Die Rückerstattungen werden wahrscheinlich fliessen. Aber die handelspolitische Unsicherheit bleibt. Ein Unternehmen wie Swatch kann nicht planen, als ob die US-Zölle permanent Geschichte wären – solange der Kongress über eine legislative Alternative debattiert, bleibt das Damoklesschwert hängen.
Das grosse Bild
Was an der Oberfläche wie ein juristischer Sieg für den Freihandel aussieht, offenbart bei genauerer Betrachtung eine tiefere Verschiebung. Das Supreme-Court-Urteil stellt nicht den Freihandel wieder her – es stellt die institutionelle Gewaltenteilung wieder her. Das ist ein Unterschied von fundamentaler Bedeutung.
Wenn man die Entwicklungen der letzten Wochen zusammenfasst, zeigt sich ein Muster, das wir in unserer Berichterstattung sukzessive nachgezeichnet haben: Die Zölle haben den Welthandel nachhaltig verändert, die Stagflationsgefahr ist real, und die Hormuz-Blockade hat eine Energiekrise ausgelöst, die den Fokus von Handelspolitik auf Versorgungssicherheit verschoben hat. Das Zoll-Urteil kommt also in einem Moment, in dem die Weltwirtschaft bereits unter multiplen Stressoren leidet.
Historisch erinnert die Situation an die Rückabwicklung der Smoot-Hawley-Zölle in den 1930er-Jahren. Auch damals führte eine aggressive Zollpolitik zu einem Einbruch des Welthandels. Die Korrektur kam nicht durch ein Gerichtsurteil, sondern durch den Reciprocal Trade Agreements Act von 1934 – ein Gesetz, das dem Präsidenten ironischerweise mehr Flexibilität gab, Zölle zu senken. Die Parallele ist frappierend: Auch heute steht am Ende der Zollkrise möglicherweise nicht weniger, sondern mehr präsidentielle Handelsmacht – bloss in anderer Form.
Für die Schweiz bedeutet das Urteil kurzfristig Erleichterung und mittelfristig Unsicherheit. Die Rückerstattungen werden Liquidität freisetzen und die Margen exportorientierter Unternehmen verbessern. Aber die strukturelle Frage bleibt: In einer Welt, in der Handelspolitik zum geopolitischen Instrument geworden ist, kann sich kein Exportland auf juristische Siege verlassen. Swatch mag seine Zölle zurückbekommen. Ob die Uhren in drei Jahren ohne Aufpreis in die USA geliefert werden können, steht auf einem anderen Blatt.
Die entscheidende Frage ist nun, ob der US-Kongress den protektionistischen Kurs legislativ absichert – oder ob das Urteil einen echten Paradigmenwechsel einleitet. Die Antwort darauf wird nicht in Washington allein fallen. Sie hängt davon ab, wie Europa, China und aufstrebende Volkswirtschaften die nächsten Monate nutzen, um die Architektur des Welthandels neu zu verhandeln. Die Schweiz, als kleine, offene Volkswirtschaft mit überproportionaler Abhängigkeit von funktionierenden Handelsregeln, hat dabei mehr zu gewinnen – und mehr zu verlieren – als fast jedes andere Land.
Quellenverzeichnis
- SRF – Unrechtmässige US-Zölle: Swatch, Stöckli, Victorinox: Schweizer Firmen fordern Geld zurück (17.4.2026)
- NZZ – Trump und Zölle: Aktuelle News und Hintergründe
- Channel News Asia – Asian stocks reverse as investors await news on US-Iran peace talks (17.4.2026)
- Economic Times – India's export of life-savers falls to 5-yr low amid war (17.4.2026)
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