
100 Dollar, stagnierende Wirtschaft, steigende Preise: Die Stagflations-Falle kehrt zurück
Es gibt eine Zahl, vor der Zentralbanker, Finanzminister und Ökonomen gleichermassen zurückschrecken: 100. Am Donnerstag durchbrach der Brent-Rohöl-Preis diese psychologische Schwelle – zum ersten Mal seit dem Energieschock des Jahres 2022. Doch diesmal ist die Ausgangslage dramatisch anders. Und die Konsequenzen könnten weitreichender sein.

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Darum gehts
- Der Brent-Ölpreis hat am 17. April 2026 die Marke von 100 US-Dollar pro Barrel überschritten – ausgelöst durch den Abbruch der US-Iran-Verhandlungen und die anhaltende Blockade der Strasse von Hormuz.
- IEA-Direktor Fatih Birol warnt in einem NZZ-Interview explizit vor einem Stagflationsszenario: gleichzeitig steigende Preise und sinkende Wirtschaftsleistung.
- Die Notenbanken – allen voran die Fed, deren Unabhängigkeit ohnehin unter Beschuss steht – befinden sich in einem klassischen Dilemma: Bekämpfen sie die Inflation, würgen sie die Konjunktur ab. Tun sie nichts, verlieren sie die Preisstabilität.
- Für die Schweiz bedeutet dies: Ein starker Franken dämpft den Importpreisschock, doch die Exportindustrie leidet – und die SNB muss eine Gratwanderung vollziehen, die seit den 1970ern niemand mehr vollziehen musste.
Der Schock: Wenn Öl zur makroökonomischen Waffe wird
«Jeder Trade an der Börse ist ein Öl-Trade», titelte die NZZ am Donnerstag – und trifft damit den Kern der gegenwärtigen Marktpsychologie präzise. Seit dem Abbruch der Verhandlungen zwischen Washington und Teheran in der Nacht auf Donnerstag ist die Strasse von Hormuz faktisch zum Nadelöhr der Weltwirtschaft geworden. Rund 20 Millionen Barrel Rohöl passieren täglich diese 54 Kilometer breite Meerenge – das entspricht etwa einem Fünftel des globalen Seehandels mit Rohöl, gemäss Daten der US Energy Information Administration (EIA).
Was bisher als Krisenprämie in den Rohstoffmärkten eingepreist war, hat sich nun in handfeste Versorgungsangst verwandelt. Der IEA-Direktor Fatih Birol formulierte es in seinem NZZ-Interview vom heutigen Freitag unverblümt: «Der Markt unterschätzt, was eine anhaltende Sperrung bedeuten würde.» Birol, der als nüchternster Energiestratege der westlichen Welt gilt, verwendete dabei ein Wort, das viele seiner Kollegen noch vermieden hatten: Stagflation.
Das ist keine akademische Vokabel. Stagflation – die gleichzeitige Kombination aus wirtschaftlicher Stagnation und Inflation – ist der Albtraum jeder Zentralbank, weil sie die beiden klassischen geldpolitischen Instrumente gleichzeitig obsolet macht. Senkst du die Zinsen, um die Wirtschaft zu stützen, heizt du die Inflation an. Erhöhst du sie, um die Preise zu stabilisieren, zerstörst du das Wachstum. Es gibt keinen guten Ausweg – nur weniger schlechte.
Washington: Zwischen Säbelrasseln und Stagflations-Blindheit
Die Trump-Administration befindet sich in einem selbstverschuldeten Dilemma. Der Abbruch der Verhandlungen mit Teheran – laut Reuters-Berichten vom Donnerstag auf Betreiben des amerikanischen Sicherheitsberaters – hat den Ölpreis in die dreistellige Region katapultiert. Gleichzeitig steht die Federal Reserve unter politischem Beschuss: Wie wir am 16. April berichteten («Powell vor der Abberufung»), droht Trump Fed-Chef Jerome Powell öffentlich mit Entlassung.
Die makroökonomische Ironie ist kaum zu überbieten: Indem Trump die Unabhängigkeit der Fed untergräbt, nimmt er ihr genau jene Glaubwürdigkeit, die in einem Stagflationsszenario entscheidend wäre. Denn Inflationserwartungen – und damit die reale Inflation – werden massgeblich dadurch gesteuert, ob Märkte und Haushalte der Zentralbank zutrauen, dass sie Preisstabilität über politischen Druck stellt.
Die Daten sind bereits alarmierend: Die University of Michigan berichtete Mitte April, dass die langfristigen Inflationserwartungen der amerikanischen Konsumenten auf 4,4 Prozent gestiegen sind – den höchsten Wert seit 1991. Gleichzeitig schwächen sich die US-Einzelhandelsumsätze ab, und der Atlanta Fed GDPNow-Schätzer für das erste Quartal 2026 ist auf nahe null gefallen. Das klassische Stagflationsmuster zeichnet sich ab.

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Europa: Die schwächste Flanke in einem globalen Schock
Für Europa ist die Lage strukturell noch heikler als für die USA. Der Kontinent importiert einen grösseren Anteil seines Energieverbrauchs, seine Industrie ist energieintensiver, und – wie wir am 16. April in unserem Artikel über die Kerosinversorgung berichteten – die Lagerbestände sind kritisch niedrig. Die Europäische Zentralbank (EZB) befindet sich dabei in derselben Zwickmühle wie die Fed, aber mit einem zusätzlichen Problem: Die wirtschaftliche Divergenz zwischen den Euro-Mitgliedsländern ist so gross, dass ein einheitlicher Zinsentscheid nie für alle passt.
Deutschland, dessen Industrie bereits vor dem Ölschock mit Wachstumsschwäche kämpfte, ist besonders exponiert. Das Ifo-Institut hatte seine Wachstumsprognose für 2026 bereits im März auf 0,2 Prozent gesenkt. Mit Ölpreisen über 100 Dollar droht nun eine technische Rezession. Gleichzeitig übertragen sich die höheren Energiepreise direkt auf die Kerninflation – über Transport, Heizung und Produktionskosten.
Frankreich und Italien, beide mit hoher Staatsverschuldung, sehen sich einem weiteren Risiko gegenüber: Steigende Inflationserwartungen erhöhen die Risikoprämien auf Staatsanleihen. Der sogenannte Spread – der Aufschlag, den Rom gegenüber Berlin zahlen muss – ist laut Bloomberg-Daten vom Donnerstag um 18 Basispunkte gestiegen, auf das höchste Niveau seit dem Herbst 2023.
Edelweiss, die Schweizer Ferienfluggesellschaft, ist inzwischen das sichtbarste Symbol dieser Energiekrise auf europäischem Boden: Die Airline streicht wegen hoher Kerosinpreise mehrere Flugverbindungen. Es ist eine Meldung, die wie eine Randnotiz wirkt – in Wirklichkeit ist sie ein Frühindikator für das, was kommt, wenn der Preisschock durch die gesamte Lieferkette läuft.
Die Schweiz: Franken als Schutzschild – und als Fluch
Die Schweiz nimmt in diesem Szenario eine eigentümliche Zwitterposition ein. Der Franken – traditionell der Fluchtpunkt in Krisenzeiten – hat gegenüber dem Euro seit Jahresbeginn um weitere 3,2 Prozent aufgewertet (SNB-Daten, April 2026). Das dämpft die importierten Energiepreise und schützt Schweizer Haushalte vor dem vollen Rohstoffschock. Benzin, Heizöl, Flugbenzin: Alles in Franken gerechnet günstiger als für unsere europäischen Nachbarn.
Doch derselbe starke Franken ist Gift für die Exportwirtschaft. Maschinen, Pharmaka, Präzisionsinstrumente – Schweizer Produkte werden auf den Weltmärkten teurer, genau dann, wenn die Nachfrage ohnehin nachlässt. Der Schweizerische Gewerbeverband warnte bereits im März vor einer exportinduzierten Wachstumsschwäche. Mit einem globalen Stagflationsszenario würde sich diese Schwäche akzentuieren.
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Erstgespräch buchen →Die Schweizerische Nationalbank (SNB) unter Thomas Jordan – der im Herbst 2025 sein Amt niedergelegt hatte – stand bereits vor der Herausforderung, den Franken nicht zu stark werden zu lassen, ohne dabei die eigene Preisstabilität zu gefährden. Seine Nachfolgerin steht nun vor dem Worst Case: einem Aufwertungsdruck, der die importierte Inflation dämpft, aber gleichzeitig das Wachstum abwürgt. Die SNB-Vierteljahresprognose, die Ende Juni erscheint, dürfte eine der kompliziertesten seit der Finanzkrise 2008 werden.
Das historische Echo: 1973, 1979 – und warum 2026 schlimmer sein könnte
Die Parallelen zur Ölkrise der 1970er Jahre sind unübersehbar. Damals wie heute: ein geopolitischer Schock in der Golfregion, ein rapider Ölpreisanstieg, eine verunsicherte Geldpolitik, explodierende Inflationserwartungen. Die NZZ zog diese Verbindung bereits in ihrer heutigen Analyse – «wie zu Zeiten der Ölkrisen in den 1970er Jahren».
Doch es gibt entscheidende Unterschiede, die das heutige Szenario noch heikler machen:
Erstens die Ausgangslage der Zinsen. 1979, als Paul Volcker die Fed übernahm, lagen die Leitzinsen bei rund 11 Prozent – Volcker konnte sie auf 20 Prozent anheben und die Inflation brechen. Die heutigen Notenbanken operieren von einem Niveau aus, das nach jahrelangen Niedrigzinsen strukturell tiefer liegt. Der Handlungsspielraum ist enger.
Zweitens die Schuldenlasten. Die globale Staatsverschuldung ist heute, gemessen am BIP, deutlich höher als in den 1970ern. Hohe Zinsen zur Inflationsbekämpfung würden gleichzeitig Schuldentragfähigkeit gefährden – besonders in der Eurozone.
Drittens die geopolitische Komplexität. Der Ölschock der 1970er war ein Embargo arabischer Staaten – er liess sich irgendwann politisch lösen. Die heutige Blockade der Hormuz-Strasse ist eingebettet in einen direkten Kriegskonflikt zwischen den USA und dem Iran, bei dem China bewusst die Hände in den Schoss legt (wie die New York Times heute berichtet) und keine diplomatische Vermittlung anbietet. Eine schnelle Deeskalation ist strukturell schwieriger.
Viertens die digitale Geschwindigkeit. Inflationserwartungen übertragen sich heute durch soziale Medien und Echtzeit-Daten mit einer Geschwindigkeit, die in den 1970ern undenkbar war. Das erhöht das Risiko von Lohn-Preis-Spiralen, bei denen Arbeitnehmer auf Basis von Erwartungen Lohnerhöhungen fordern – und diese Erwartungen damit erst erfüllen.

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Das grosse Bild: Warum das Schweigen der Notenbanken lauter ist als ihre Worte
Das vielleicht bezeichnendste Signal des heutigen Tages ist nicht der Ölpreis selbst – es ist das, was die Notenbanken nicht sagen. Weder die EZB noch die Fed haben auf den Durchbruch der 100-Dollar-Marke mit einer klaren kommunikativen Reaktion geantwortet. Dieses Schweigen ist rational: Was sollten sie auch sagen? Jede Aussage verengt den eigenen Handlungsspielraum.
Ein Stagflationsszenario ist das seltene geldpolitische Versagen, das nicht durch technisches Können überwunden werden kann – es kann nur durch politische Deeskalation im Golf beendet werden. Und diese liegt nicht in der Hand der Zentralbanken.
Für Schweizer Sparerinnen und Sparer, die in dieser Gemengelage ihre langfristige Finanzplanung überdenken, lohnt ein Blick auf die Grundlagen: Wie funktioniert ein diversifiziertes Portfolio in Zeiten geopolitischer Schocks? Was leistet die Säule 3a als langfristiger Stabilitätsanker? Antworten auf diese Fragen findest du im Vemo-Grundlagentext zur Anlageberatung in der Schweiz – ohne Produktempfehlungen, dafür mit systematischem Überblick. Wer wissen will, wie sich die aktuelle Marktlage auf das eigene 3a-Guthaben auswirkt, kann das mit dem Vemo 3a-Check einordnen.
Die entscheidende Frage der kommenden Wochen lautet nicht, ob die Inflation steigt – sie steigt bereits. Sie lautet: Wie lange hält die politische Allianz, die den Druck auf Iran aufrechterhalten will? Denn jeder Tag, an dem die Hormuz-Strasse blockiert bleibt, ist ein Tag, an dem das Stagflationsrisiko wächst – und die Optionen der Notenbanken schrumpfen.
IEA-Direktor Birol hat Recht, wenn er sagt, die Weltwirtschaft sei «von ein paar hundert bewaffneten Männern in Geiselhaft genommen». Die Ironie: Die Geiseln sind diesmal nicht Öltanker. Es sind die Bilanzen jener Zentralbanken, die über Jahrzehnte aufgebaut haben, was 100 Dollar pro Barrel in wenigen Wochen gefährden könnten.
Quellen
- NZZ: «Jeder Trade an der Börse ist ein Öl-Trade» (17. April 2026)
- NZZ-Interview mit IEA-Direktor Fatih Birol (17. April 2026)
- US Energy Information Administration (EIA): Strait of Hormuz Fact Sheet (2025)
- University of Michigan: Consumer Sentiment Survey, April 2026
- SNB: Wechselkursdaten Franken/Euro, April 2026
- Bloomberg: Euro-Staatsanleihen-Spreads, 17. April 2026
- Reuters: Abbruch US-Iran-Verhandlungen, 16./17. April 2026
- New York Times: «Why China Isn't Pushing Iran to Accept U.S. Demands» (16. April 2026)
- Ifo-Institut: Wachstumsprognose Deutschland 2026 (März 2026)
- Atlanta Fed GDPNow: Q1 2026 Estimate (April 2026)
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