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Ein Jahr Trump-Zölle: Was die Handelspolitik wirklich angerichtet hat
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Ein Jahr Trump-Zölle: Was die Handelspolitik wirklich angerichtet hat

Ein Jahr ist vergangen, seit Donald Trump die amerikanische Handelspolitik auf den Kopf stellte. Die Zölle stehen heute auf dem höchsten Niveau seit neun Jahrzehnten – und die Welt ist eine andere geworden. Doch anders als erwartet.

Darum geht's

  • Die durchschnittlichen US-Importzölle sind seit April 2025 von 2,5 auf über 18 Prozent gestiegen – der höchste Stand seit den 1930er-Jahren
  • Die WTO scheiterte diese Woche erneut an einer Einigung zu Digitalzöllen – ein Symptom ihrer zunehmenden Handlungsunfähigkeit
  • Die Schweiz, als exportabhängige Kleinstvolkswirtschaft, spürt die Auswirkungen auf unerwarteten Wegen
  • Hauptleidtragende sind nicht die USA-Gegner, sondern die eigene amerikanische Mittelschicht – und verbündete Volkswirtschaften wie Deutschland
Die globalen Handelsströme haben sich seit Einführung der Trump-Zölle fundamental verschoben.
Die globalen Handelsströme haben sich seit Einführung der Trump-Zölle fundamental verschoben.
Bild: Wolfgang Weiser / Pexels

Washington: Triumph der Ideologie über die Ökonomie

Es war der 2. April 2025, den das Weisse Haus als «Liberation Day» bezeichnete. Was folgte, war keine Befreiung, sondern eine fundamentale Neuordnung globaler Wertschöpfungsketten – und nach einem Jahr lässt sich eine erste ernüchternde Bilanz ziehen.

Die Zahlen sind eindeutig: Laut dem Peterson Institute for International Economics sind die effektiven US-Importzölle von durchschnittlich 2,5 Prozent im Jahr 2024 auf heute 18,3 Prozent gestiegen. Das ist der höchste Stand seit dem Smoot-Hawley Tariff Act von 1930, jenem berüchtigten Gesetz, das die Grosse Depression massgeblich verschärfte. Parallel dazu hat die US-Notenbank Federal Reserve – wie die New York Times diese Woche berichtete – durch den Iran-Krieg und die damit verbundene Inflationsunsicherheit erneut auf «wait and see» umgestellt: Zinssenkungen sind auf unbestimmte Zeit verschoben.

Was hat die Trump-Administration erreicht? Das Handelsbilanzdefizit der USA – das erklärte Feindbild der Zollpolitik – ist im Jahr 2025 nicht gesunken, sondern auf ein Rekordhoch von 1,2 Billionen Dollar geklettert (U.S. Bureau of Economic Analysis, März 2026). Der Grund ist wohlbekannt in der Makroökonomie: Handelsbilanzen werden nicht durch Zölle bestimmt, sondern durch Sparquoten. Solange Amerika konsumiert und wenig spart, bleibt das Defizit bestehen – unabhängig von Zöllen.

Die politische Logik Washingtons ist dennoch stringent: Es geht weniger um Handelsbilanzarithmetik als um den Wiederaufbau industrieller Kapazitäten in strategischen Sektoren – Halbleiter, Batterien, Stahl. Hier zeigen sich erste, wenn auch zarte Erfolge: Die Ankündigungen neuer US-Halbleiterfabriken stiegen laut dem Semiconductor Industry Association 2025 auf einen Rekordwert. Ob diese je gebaut werden und ob sie wettbewerbsfähig sein werden, steht auf einem anderen Blatt.

Der amerikanische Konsument zahlt die Rechnung

Die unmittelbarste Wirkung von Zöllen ist banal: Sie sind Steuern auf Importe, und diese Steuern zahlen die Importeure – also letztlich die amerikanischen Unternehmen und Konsumenten. Die BBC hat in ihrer Jahresbilanz vier zentrale Effekte identifiziert: steigende Konsumentenpreise, verschobene Lieferketten, wachsende geopolitische Lager und eine geschwächte multilaterale Handelsordnung.

Besonders schmerzhaft: Die Preissteigerungen treffen überproportional einkommensschwache Haushalte. Kleidung, Elektronik, Haushaltsgeräte – alles, was vornehmlich aus Asien importiert wird, ist teurer geworden. Laut einer Studie der Yale University Budget Lab vom Januar 2026 kostet ein durchschnittlicher amerikanischer Haushalt die Zollpolitik inzwischen 1'800 Dollar pro Jahr an Mehrausgaben. Die versprochenen Fabrikjobs in Ohio und Pennsylvania sind hingegen weitgehend ausgeblieben.

Hinzu kommen die Vergeltungsmassnahmen. China, die EU und Kanada haben ihrerseits Zölle auf amerikanische Exporte erhoben. Amerikanische Landwirte, deren Soja und Weizen nicht mehr nach China exportiert werden können, werden mit Subventionen entschädigt – was das Staatsdefizit weiter aufbläht. Es ist eine bizarre Choreografie: Amerika besteuert seine eigenen Konsumenten, um Farmen zu subventionieren, die eigentlich nach China exportieren wollten.

Europa: Zwischen Anpassung und Gegenwehr

Für Europa ist die Bilanz gemischt – mit stark asymmetrischen Auswirkungen je nach Sektor und Land. Deutschland, ohnehin durch den Iran-Krieg und die damit verbundene Energiekrise unter Druck (wie wir am 24. März berichteten), trifft die Zollpolitik besonders hart: Automobile, Maschinen und Chemikalien – das Rückgrat des deutschen Exports – stehen unter dauerhaftem Zolldruck.

Die Europäische Union hat nach anfänglichem Zögern eigene Gegenmassnahmen beschlossen und führt gleichzeitig – bisher erfolglos – Verhandlungen mit Washington. Die Crux: Die EU ist handelspolitisch geeint, aber strategisch gespalten. Südeuropäische Länder, die weniger von US-Exporten abhängen, sind konzilianter; Deutschland und die Niederlande drängen auf Konfrontation.

Symbolisch steht auch das Scheitern der WTO an einer Einigung zu Digitalzöllen, über das die NZZ diese Woche berichtete. Die WTO, gegründet 1995 als Hüterin des freien Welthandels, ist faktisch gelähmt. Ihr Streitbeilegungsmechanismus funktioniert nicht mehr, seit die USA die Ernennung neuer Richter am Appellationsgremium blockieren. Eine Organisation, die keine Urteile vollstrecken kann, ist eine Fassade. Die Frage, wie die Welt digitale Dienstleistungen besteuert – eine der drängendsten Handelsfragen des 21. Jahrhunderts – bleibt damit ungeklärt.

Der multilaterale Handelsrahmen der Nachkriegszeit befindet sich in seiner schwersten Krise seit Jahrzehnten.
Der multilaterale Handelsrahmen der Nachkriegszeit befindet sich in seiner schwersten Krise seit Jahrzehnten.
Bild: Arturo Añez. / Pexels

Die Schweiz: Klein, offen, verwundbar

Die Schweiz exportiert rund 75 Prozent ihrer Waren ins Ausland – eine der höchsten Exportquoten der Welt. Sie ist damit strukturell abhängig von einer funktionierenden multilateralen Handelsordnung. Und sie leidet, auch wenn dies in der öffentlichen Debatte oft untergeht.

Zunächst die direkten Zolleffekte: Schweizer Pharmaunternehmen wie Novartis und Roche exportieren massiv in die USA. Pharmazeutika wurden bisher von den meisten Zollrunden ausgenommen – aber die Trump-Administration hat signalisiert, dass auch dieser Sektor nicht für immer verschont bleibt. Die Unsicherheit allein hat Planungskosten verursacht.

Wichtiger sind die indirekten Effekte: Als Deutschland, Schweizens wichtigster Handelspartner, unter dem Doppeldruck von Iran-Krieg und US-Zöllen leidet, leidet die Schweizer Exportindustrie mit. Die Maschinenbaubranche, die Werkzeugmaschinenhersteller, die Zulieferer der deutschen Autoindustrie – sie alle spüren die Kontraktion. Der Schweizer Franken, der in Krisenzeiten traditionell anzieht, macht es zusätzlich schwieriger: Schweizer Waren werden im Ausland teurer, während gleichzeitig die Nachfrage sinkt.

Paradoxerweise profitiert die Schweiz als Finanzplatz von einem Aspekt der Zollpolitik: Kapital, das angesichts von Handelsturbulenzen sichere Häfen sucht, fliesst nach Zürich und Genf. Doch das ist ein zweischneidiges Schwert – ein starker Franken hilft dem Bankensektor, schadet aber der Industrie.

Bundesrätin Karin Keller-Sutter hat in den letzten Monaten mehrfach betont, dass die Schweiz als Nichtmitglied der EU flexibler auf amerikanische Zollforderungen reagieren kann. Tatsächlich hat Bern diskret Verhandlungen über ein bilaterales Handelsabkommen mit Washington aufgenommen. Ob dies Früchte trägt, ist offen – die USA haben bisher kein einziges neues bilaterales Handelsabkommen unter Trump abgeschlossen.

Asien: Gewinner, Verlierer und die China-Frage

Das ursprüngliche Ziel der Trump-Zölle war China. Ein Jahr später ist das Bild differenzierter als erwartet. China hat gelitten – der Handelsüberschuss mit den USA ist gesunken, das Wirtschaftswachstum hat sich verlangsamt. Doch Peking hat reagiert: mit Subventionen für exportorientierte Unternehmen, mit einer gezielten Abwertung des Renminbi und mit der aggressiven Erschliessung neuer Märkte.

Das Beispiel BASF illustriert die Komplexität: Trotz Überkapazitäten und schwächelnder Konjunktur eröffnete der Chemiekonzern diese Woche ein Riesenwerk in Südchina – aus strategischen Überlegungen, nicht trotz, sondern vielleicht wegen der globalen Unsicherheit. Wer sich aus China zurückzieht, riskiert, den grössten Markt der Welt dauerhaft zu verlieren.

Die eigentlichen Gewinner der US-Zollpolitik gegenüber China sitzen in Drittländern: Vietnam, Mexiko, Indien und Indonesien haben chinesische Exporteure als Zwischenstationen genutzt oder echte Produktionsverlagerungen angezogen. Vietnam's Exporte in die USA stiegen 2025 um 34 Prozent (WTO Trade Statistics, Februar 2026). Die Trump-Administration hat dies erkannt und ihrerseits Zölle auf diese Länder eingeführt – womit die Logik des Handelskrieges eine Eigendynamik entwickelt hat, die kaum noch zu kontrollieren ist.

Das grosse Bild: Eine neue Welthandelsordnung im Entstehen

Wer die Geschichte des Welthandels kennt, erkennt Muster. Das frühere GATT-System, aus dem die WTO hervorging, entstand als direkte Reaktion auf die katastrophalen Erfahrungen der 1930er-Jahre: Smoot-Hawley führte zu Vergeltungszöllen, Vergeltungszölle führten zu Handelskriegen, Handelskriege verschärften die Depression und – so die historische These, die umstritten, aber einflussreich bleibt – die politischen Extremismen der Folgedekade.

Die Welt von 2026 ist anders: Die Volkswirtschaften sind stärker vernetzt, Lieferketten komplexer, und Dienstleistungen – die von klassischen Zöllen kaum erfasst werden – machen den Grossteil des Welthandels aus. Ein Handelskrieg à la 1930 ist schwieriger zu führen, weil seine Kollateralschäden unmittelbarer spürbar wären.

Dennoch zeichnet sich eine Fragmentierung des Welthandels ab, die Ökonomen als «Slowbalisation» oder gar «Deglobalisation» bezeichnen. Der IWF schätzte in seinem letzten World Economic Outlook, dass eine vollständige Fragmentierung der Weltwirtschaft in zwei Blöcke langfristig bis zu sieben Prozent des globalen BIP kosten könnte – eine Zahl, die die Schäden des Iran-Kriegs in den Schatten stellen würde.

Was bleibt nach einem Jahr Trump-Zölle? Erstens: Die US-Handelspolitik hat die Welt verändert, aber nicht so, wie ihre Architekten versprochen haben. Das Defizit ist grösser, die Preise sind höher, die Allianzen sind beschädigt. Zweitens: China ist geschwächt, aber nicht besiegt. Drittens: Die multilaterale Handelsarchitektur – WTO, GATT-Prinzipien, Meistbegünstigungsklauseln – liegt in Trümmern, und niemand hat einen glaubwürdigen Plan zu ihrem Wiederaufbau.

Und für die Schweiz gilt: In einer Welt, in der die Regeln des Welthandels neu geschrieben werden, ist ein kleines, exportabhängiges Land besonders exponiert. Die Fähigkeit, sich bilateral anzupassen, ist ein Vorteil. Doch sie kann nicht ersetzen, was ein funktionierendes multilaterales System leistet: Rechtssicherheit, Diskriminierungsschutz, Streitbeilegung. Diese Güter sind im letzten Jahr erheblich seltener geworden.

Die Auswirkungen der Handelspolitik zeigen sich in Statistiken, die oft erst mit Verzögerung sichtbar werden.
Die Auswirkungen der Handelspolitik zeigen sich in Statistiken, die oft erst mit Verzögerung sichtbar werden.
Bild: AlphaTradeZone / Pexels

Quellen:

  • Peterson Institute for International Economics: US Tariff Tracker, März 2026
  • U.S. Bureau of Economic Analysis: Trade in Goods and Services, März 2026
  • BBC News: A year on: Four ways Trump's tariffs have changed the global economy, 3. April 2026
  • NZZ: Wirtschaft-Kurzmeldungen: WTO scheitert an Einigung zu Digitalzöllen, 3. April 2026
  • Yale University Budget Lab: The Cost of Trump Tariffs for American Households, Januar 2026
  • WTO Trade Statistics Database: Vietnam Export Data 2025, Februar 2026
  • IWF World Economic Outlook: Geoeconomic Fragmentation Scenarios, Oktober 2025
  • New York Times: The Iran war has forced the Fed back to wait-and-see mode, 3. April 2026
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