
Die Hormuz-Falle schnappt zum zweiten Mal zu: Warum Irans Blockade diesmal gefährlicher ist
Am Freitagabend herrschte an den Börsen Euphorie. Brent-Rohöl fiel um ein Zehntel, Hypothekarzinsen in Grossbritannien sanken erstmals seit Wochen, und Trader in Asien hatten Stunden zuvor 760 Millionen Dollar auf fallende Ölpreise gewettet. Der Grund: Iran hatte die Strasse von Hormus für die Dauer eines Waffenstillstands für «offen» erklärt. Es war ein Atemholen nach Wochen der Anspannung. Es dauerte keine 48 Stunden.
Heute Samstag, den 18. April 2026, meldet Al Jazeera, dass iranische Schnellboote in der Meerenge das Feuer auf einen Tanker eröffnet haben. Die Revolutionsgarden (IRGC) erklärten die Wasserstrasse erneut für gesperrt – als direkte Reaktion auf die fortgesetzte US-Blockade iranischer Häfen. Schiffstracking-Daten zeigen laut Economic Times, dass einige Tanker die Passage noch vor den Schüssen durchqueren konnten. Andere nicht.
Es ist die zweite Schliessung innerhalb weniger Wochen. Und sie ist anders als die erste.
Darum geht's
- Iran hat die Strasse von Hormus am 18. April erneut gesperrt und iranische Schnellboote haben auf mindestens einen Tanker geschossen.
- Die Sperrung erfolgte nur rund 48 Stunden nach einer vorübergehenden Öffnung, die einen massiven Ölpreisrückgang ausgelöst hatte.
- Auslöser ist laut Teheran die fortgesetzte US-Seeblockade iranischer Häfen – ein Eskalationsmechanismus, der die Waffenstillstandsdiplomatie untergräbt.
- Für Europa verschärft sich die Kerosin-Krise, für Asien die Flugverkehrs- und Energieversorgung, und für die Schweiz das Stagflationsrisiko.
Teheran: Eskalation als Überlebensstrategie
Die Logik hinter Irans erneutem Zuschlagen erschliesst sich erst, wenn man die Ereignisse der letzten 72 Stunden in ihrer Abfolge betrachtet. Am Donnerstag hatte US-Präsident Trump öffentlich behauptet, Iran habe weitreichende Zugeständnisse gemacht. Al Jazeera berichtet, dass diese Behauptungen in Teheran «Fragen und Zurückweisungen» ausgelöst haben. Irans stellvertretender Aussenminister erklärte, es gebe keinen Termin für weitere Gespräche, solange kein gemeinsamer «Rahmen» vereinbart sei.
Dann kam die Eskalation. Der Oberste Führer Mojtaba Khamenei warnte laut Al Jazeera vor «neuen bitteren Niederlagen» für die USA und Israel und erklärte die Marine für einsatzbereit. Stunden später feuerten IRGC-Schnellboote auf einen Tanker in der Meerenge.
Die Botschaft ist unmissverständlich: Solange die USA iranische Häfen blockieren, blockiert Iran den Golf. Das ist keine Irrationalität – es ist Symmetrie als Verhandlungstaktik. Wie wir am 13. April in unserer Analyse zum Kollaps des iranischen Rial aufgezeigt haben, hat die iranische Wirtschaft praktisch nichts mehr zu verlieren. SRF berichtete bereits Anfang März, dass die Eskalation die iranische Wirtschaft «weiter in den Abgrund» treibe. Wer wirtschaftlich am Boden liegt, kann mit Zerstörung drohen, ohne sich selbst weiter zu schaden. Das macht Teheran gefährlicher als je zuvor.
Washington: Trumps Diplomatie-Falle
Die erneute Schliessung ist auch eine Blamage für das Weisse Haus. Trump hatte die angeblichen iranischen Zugeständnisse als diplomatischen Erfolg verkauft. Nun zeigt sich: Die Öffnung der Meerenge war offenbar kein Ergebnis von Verhandlungen, sondern eine taktische Pause – ein Testballon Teherans, um zu sehen, ob Washington die Gegenblockade lockern würde. Washington tat es nicht.
Die BBC berichtete am Freitag, dass die Öffnung der Meerenge «für die Dauer des Waffenstillstands» gelte und der Brent-Preis daraufhin um ein Zehntel gefallen sei. Gleichzeitig notierten britische Medien bereits sinkende Benzin- und Dieselpreise – «nach Wochen von Anstiegen, die durch den US-israelischen Krieg mit Iran getrieben wurden», wie die BBC formulierte. Auch Hypothekarzinsen zeigten erstmals «Anzeichen eines Rückgangs nach dem Iran-Kriegs-Hoch».
Diese Erleichterung war von kurzer Dauer. Dass Trader laut Channel News Asia bereits 760 Millionen Dollar auf fallende Ölpreise gesetzt hatten, bevor die Hormuz-Ankündigung offiziell kam, wirft zudem Fragen auf: Wer wusste was – und wann? Wenn sich die Blockade nun wieder verhärtet, drohen massive Verluste für jene, die auf Entspannung gewettet haben.
Wie wir am 6. April in «Zwischen Eskalation und Waffenstillstand» schrieben: Der Ölmarkt hängt an einem einzigen Tweet. Diese Analyse hat sich in den letzten 48 Stunden in brutaler Klarheit bestätigt.
Europa und die Schweiz: Die Kerosin-Uhr tickt wieder
Für Europa ist die erneute Schliessung ein Albtraum-Szenario. Erst am 16. April hatten wir in «Sechs Wochen Kerosin, null Plan B» die IEA-Warnung analysiert, wonach Europa «vielleicht sechs Wochen» Kerosinreserven habe. Die kurze Öffnung hat diesen Countdown bestenfalls um Tage verlängert – jetzt läuft er wieder.
Die WirtschaftsWoche meldete am 15. April, dass sich der Ölmarkt «unter der 100-Dollar-Marke stabilisiert» habe. Diese Stabilisierung dürfte mit dem heutigen Tankerbeschuss Geschichte sein. Lufthansa hatte bereits Flugzeuge wegen hoher Kerosinkosten am Boden gelassen, wie Schweizer Medien Mitte April berichteten. Und SRF analysiert heute, wie sich das Reiseverhalten der Schweizer wandelt: «Viele bleiben näher an Europa», zitiert der Sender einen Aviatik-Experten – eine direkte Folge steigender Preise und wachsender Unsicherheit.
Am 11. April hatten wir in «Drei Wochen bis zur Krise» berichtet, dass die Vereinigung europäischer Flughäfen die EU gewarnt hatte: Ohne Öffnung des Persischen Golfs drohten systemische Kerosinengpässe. Diese drei Wochen sind bald um.
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Erstgespräch buchen →| Region | Auswirkung der erneuten Blockade | Quellen |
|---|---|---|
| Grossbritannien | Hypothekarzinsen waren erstmals gefallen – Trendwende droht | BBC |
| Deutschland | Lufthansa bereits mit Flugstreichungen wegen Kerosinkosten | Spiegel, Schweizer Medien |
| Schweiz | Fernreisen werden unerschwinglich, Reiseverhalten verändert sich | SRF |
| Asien | Massenhafte Flugstreichungen, besonders aus China Richtung Südostasien | Channel News Asia |
| Indien | Indische Handelsschiffe direkt im Fokus der Spannungen | Times of India |
Asien: Flugausfälle, Kraftstoffkrise und indische Schiffe im Fadenkreuz
Die Auswirkungen in Asien sind bereits konkret und schmerzhaft. Channel News Asia berichtet, dass chinesische Reisende von einer Welle von Flugstreichungen nach Südostasien betroffen sind – ausgelöst durch die Treibstoffkrise infolge des Iran-Kriegs. Betroffen sind auch Routen nach Singapur, und das ausgerechnet vor den chinesischen Mai-Feiertagen, einer der wichtigsten Reiseperioden des Jahres.
Besonders brisant ist die Lage für Indien. Die Times of India widmet dem Thema heute eine ausführliche Analyse: «Hormuz flashpoint: Why Indian-flagged ships are in focus.» Indiens Abhängigkeit von Ölimporten durch die Strasse von Hormus ist existenziell. Rund 60 Prozent der indischen Rohölimporte passieren diese Meerenge. Wenn iranische Schnellboote auf Tanker schiessen, sind indische Frachter besonders exponiert – sie sind weder westlich genug, um unter amerikanischem Marineschutz zu fahren, noch stehen sie auf Teherans expliziter Schutzliste.
Es ist bemerkenswert, wie unterschiedlich die Berichterstattung ausfällt. Während westliche Medien die erneute Blockade vor allem als Energiepreis-Thema rahmen, fokussieren indische Medien auf die unmittelbare physische Bedrohung ihrer Handelsflotte. Die Economic Times berichtet detailliert, welche Tanker die Passage noch vor den Schüssen schafften – eine Information, die in westlichen Medien kaum vorkommt. Diese Perspektivendifferenz zeigt: Für Europa ist Hormus ein Preisthema. Für Südasien ist es eine Frage der Versorgungssicherheit, die buchstäblich über Kochen oder Nicht-Kochen entscheidet.
Die Reedereien: Skepsis war berechtigt
Es gibt eine Gruppe, die sich von der Freitags-Euphorie nie hat anstecken lassen: die Reedereien. Der Spiegel berichtete am Freitagabend unter dem Titel «Reeder reagieren zögerlich auf Öffnung der Strasse von Hormus», dass trotz der iranischen Ankündigung die grossen Schifffahrtsunternehmen zurückhaltend blieben. Die Skepsis war begründet – und sie hat sich innerhalb von Stunden als richtig erwiesen.
Diese Zurückhaltung der Reedereien ist mehr als eine Fussnote. Sie zeigt ein fundamentales Vertrauensproblem: Selbst wenn Iran die Passage öffnet, glauben die Marktteilnehmer nicht an die Nachhaltigkeit der Zusage. Versicherungsprämien für Transporte durch den Golf dürften nach dem heutigen Beschuss weiter steigen. Und jede Prämienerhöhung schlägt sich unmittelbar in Transportkosten nieder – die am Ende beim Endverbraucher landen.
Das grosse Bild
Wer die Vemo-Berichterstattung der letzten drei Wochen verfolgt hat, erkennt ein klares Muster: Die Hormuz-Krise folgt einem Eskalationszyklus, der sich mit jeder Runde verschärft. Am 6. April beschrieben wir die Fragilität eines Ölmarkts, der «an einem einzigen Tweet hängt». Am 11. April warnten wir vor dem Drei-Wochen-Countdown für Europas Kerosinversorgung. Am 16. April analysierten wir die Börseneuphorie nach Friedenshoffnungen – und schrieben explizit, «warum die Euphorie trügt». Heute, am 18. April, hat sich jede dieser Einschätzungen bestätigt.
Das Muster ist historisch nicht neu. Die Tankerkriege der 1980er Jahre im Iran-Irak-Krieg folgten einer ähnlichen Logik: Phasen scheinbarer Beruhigung, gefolgt von gezielten Angriffen auf die Handelsschifffahrt, die die Eskalationsspirale weiter drehten. Damals wie heute war die Strasse von Hormus der neuralgische Punkt – der Flaschenhals, durch den ein Fünftel des weltweiten Öltransports fliesst. Der entscheidende Unterschied: In den 1980ern waren die westlichen Volkswirtschaften weit weniger von einer Just-in-time-Logistik abhängig als heute. Ein Tanker, der damals eine Woche Verspätung hatte, war ein Ärgernis. Heute ist er ein Dominostein, der Flughäfen lahmlegen, Lieferketten unterbrechen und Inflationsraten in die Höhe treiben kann.
Besonders aufschlussreich ist der Blick auf die Mediendynamik. Westliche Medien rahmten die Freitags-Öffnung als «Durchbruch» und «Erleichterung». Al Jazeera und iranische Quellen stellten sie von Anfang an als konditioniert dar – abhängig von einer US-Gegenleistung, die nie kam. Die BBC titelte «Oil prices plunge» – im selben Nachrichtenzyklus, in dem Al Jazeera bereits meldete, dass Trumps Behauptungen über iranische Zugeständnisse in Teheran auf «Fragen und Zurückweisungen» stiessen. Wer nur westliche Quellen las, wurde vom heutigen Rückschlag überrascht. Wer die Signale aus Teheran ernst nahm, nicht.
Für die Schweiz verdichtet sich das Bild zu einer unbequemen Realität. Wie wir am 17. April in «Die Stagflations-Falle kehrt zurück» dargelegt haben, droht ein Szenario, in dem steigende Energiepreise die Inflation antreiben, während das Wirtschaftswachstum gleichzeitig abkühlt. Die erneute Hormuz-Blockade macht dieses Szenario wahrscheinlicher. Der Ölmarkt hatte sich laut WirtschaftsWoche gerade erst unter 100 Dollar pro Barrel stabilisiert. Diese Stabilisierung steht nun auf der Kippe.
Die entscheidende Frage ist, ob die erneute Blockade eine taktische Geste bleibt – ein Druckmittel, das Teheran in den kommenden Tagen wieder lockert – oder ob sie eine neue Phase des Konflikts markiert, in der die Strasse von Hormus dauerhaft zum Faustpfand wird. Der Beschuss eines Tankers deutet auf Letzteres hin. Denn es ist eines, eine Wasserstrasse per Dekret zu sperren. Es ist etwas ganz anderes, auf zivile Schiffe zu feuern. Diese Schwelle wurde heute überschritten.
Für die globale Energieversorgung, für Europas Luftverkehr, für Indiens Kochtöpfe und für Schweizer Konsumentenpreise hängt nun alles an einer Frage: Ob Washington bereit ist, seine Seeblockade iranischer Häfen zu lockern – oder ob beide Seiten in einer Blockade-Gegenblockade gefangen bleiben, die niemand gewinnen, aber alle verlieren können.
Quellenverzeichnis
- Al Jazeera – Iran closes Strait of Hormuz again over US blockade of its ports
- Al Jazeera – Gunfire reported by vessel in Strait of Hormuz
- Al Jazeera – Trump claims on Iranian concessions trigger questions, rejections in Tehran
- BBC – Oil prices plunge as Iran says Strait of Hormuz 'open' during ceasefire
- BBC – Mortgage rates show signs of falling after Iran war peak
- BBC – UK petrol and diesel prices fall after weeks of rises
- Spiegel – Reeder reagieren zögerlich auf Öffnung der Strasse von Hormus
- SRF – Tankerbeschuss bei Oman
- SRF – Adieu Fernreise: «Viele bleiben näher an Europa»
- Channel News Asia – Chinese travellers hit by wave of Southeast Asia flight cancellations
- Channel News Asia – Traders place $760 million bet on falling oil
- Times of India – Hormuz flashpoint: Why Indian-flagged ships are in focus
- Economic Times – Iranian gunboats fire on tanker in Strait of Hormuz
- Economic Times – Some tankers cross Strait of Hormuz before firing
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