
Twint 2.0 und der digitale Franken: Warum die Schweizer Banken gerade Geschichte schreiben
Es brauchte internationalen Druck, einen Bundesrat, der aufs Tempo drückte, und eine frühere Parlamentarierin namens Pascale Bruderer als Türöffnerin. Doch nun passiert es tatsächlich: Die grossen Schweizer Banken legen ihren jahrzehntelangen Konkurrenzreflex ab und entwickeln gemeinsam einen digitalen Franken. Das Projekt, intern als «Twint 2.0» gehandelt, könnte die Art, wie die Schweiz mit Geld umgeht, fundamentaler verändern als jede Fintech-App der vergangenen zwanzig Jahre.
Die überraschendste Erkenntnis dabei: Es ist nicht die Technologie, die den Durchbruch ermöglicht hat. Die technischen Grundlagen für einen digitalen Franken existieren seit Jahren. Es war der politische Wille – und die Angst, abgehängt zu werden –, der die Schweizer Banken schliesslich an einen Tisch zwang.
Darum geht's
- UBS, Postfinance, Raiffeisen und weitere Schweizer Banken entwickeln gemeinsam einen digitalen Franken – ein Projekt, das die NZZ als «wichtigste Finanzinnovation seit dem Bancomaten» bezeichnet.
- Auslöser war internationaler Druck: Der digitale Euro der EZB und die chinesische Digital-Yuan-Offensive haben Bern zum Handeln bewogen.
- Anders als Kryptowährungen wie Bitcoin wäre der digitale Franken staatlich garantiert und vollständig in das bestehende Bankensystem integriert.
- Das Projekt wirft fundamentale Fragen auf: über Datenschutz, die Rolle der Nationalbank und die Zukunft des Bargelds in der Schweiz.

Bild: Nataliya Vaitkevich / Pexels
Warum jetzt? Der lange Weg zum Schweizer Konsens
Wer die Schweizer Bankenlandschaft kennt, weiss: Koordination unter Konkurrenten ist hier keine Selbstverständlichkeit. Dass UBS, Postfinance, Raiffeisen, Kantonalbanken und weitere Institute nun gemeinsam an einem einheitlichen digitalen Franken arbeiten, ist politisch fast so bemerkenswert wie die Technologie dahinter.
Der entscheidende Katalysator kam von aussen. Die Europäische Zentralbank treibt den digitalen Euro seit 2021 voran; Ende 2025 trat das EU-Projekt in die finale Entwicklungsphase ein. China hat den digitalen Yuan bereits in über zwanzig Provinzen ausgerollt und testet grenzüberschreitende Zahlungen mit mehreren südostasiatischen Zentralbanken. Selbst das kleine Singapur hat seinen digitalen Dollar weiter als die Schweiz entwickelt. Für ein Land, das seine globale Wettbewerbsfähigkeit im Finanzbereich als Staatsräson betrachtet, war das ein kaum erträglicher Zustand.
Hinzu kommt der innenpolitische Druck. Der Bundesrat hat das Thema digitaler Franken in seinen Legislaturzielen explizit verankert. Pascale Bruderer, die frühere Ständerätin und heutige Bankmanagerin, hat laut NZZ-Informationen als Vermittlerin zwischen den Instituten gewirkt – eine Rolle, die zeigt, wie sehr das Projekt politischer Vermittlung bedurfte, bevor es technisch werden konnte.
Die Schweizerische Nationalbank (SNB) hat das Feld sorgfältig bereitet: Seit 2020 experimentiert sie im Rahmen des «Helvetia»-Projekts mit tokenisierten Franken auf der Distributed-Ledger-Plattform der SIX Digital Exchange. Die Erkenntnisse daraus – nüchtern dokumentiert in mehreren SNB-Forschungspapieren – flossen direkt in das neue Bankenkonsortium ein. Was bisher als akademisches Experiment galt, wird nun Realität.
Was der digitale Franken ist – und was er ausdrücklich nicht ist
Die Begriffsverwirrung in der öffentlichen Debatte ist enorm, weshalb eine Klärung unerlässlich ist. Der digitale Franken des Bankenkonsortiums ist kein Bitcoin, kein Stablecoin und auch kein Twint-Update im engeren Sinne. Er ist – zumindest in der aktuell diskutierten Form – ein sogenanntes «Retail CBDC Light»: eine digitale Währungsform, die auf Bankeinlagen basiert, staatlich garantiert und zu eins zu eins mit dem physischen Franken konvertierbar ist.
Der entscheidende Unterschied zu einer genuinen Zentralbank-Digitalwährung (CBDC): Der Schweizer Weg läuft über das bestehende Bankensystem, nicht direkt über die SNB. Bürgerinnen und Bürger würden keinen direkten Zugang zu SNB-Konten erhalten. Das ist eine bewusste politische Entscheidung – und ein Kompromiss, der die Banken ins Boot holt, weil er ihr Geschäftsmodell nicht fundamental bedroht.
Technisch basiert das Projekt auf einer «tokenisierten» Form des Frankens: Geldbeträge werden als digitale Token auf einer regulierten Infrastruktur abgebildet, was programmierbare Zahlungen, automatische Abwicklung von Wertpapiergeschäften und grenzüberschreitende Transaktionen in Echtzeit ermöglicht. Das klingt abstrakt, hat aber sehr konkrete Konsequenzen: Ein Wohnungskauf könnte künftig in Sekunden abgewickelt werden, bei dem Kaufpreis und Grundbucheintrag simultan transferiert werden – ohne Notarandrang, ohne dreitägige Banküberweisungsfristen.

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Das europäische Spannungsfeld: digitaler Euro als Vorbild oder Warnung?
Die EZB hat in den vergangenen Jahren bewiesen, wie schwierig es ist, eine staatliche Digitalwährung politisch durchzusetzen. Der digitale Euro stösst auf massiven Widerstand: Europäische Banken fürchten, dass Bürger ihre Ersparnisse von Bankkonten direkt in digitale Euro umschichten – was die Refinanzierungsbasis der Institute schwächen würde. Der deutsche Mittelstand sorgt sich um Datenschutz. Südeuropäische Länder sehen Chancen bei der Bekämpfung von Schattenwirtschaft und Steuerhinterziehung.
Die Schweiz beobachtet dieses europäische Ringen genau – und zieht daraus ihre Lehren. Der «Bankenkonsortium»-Ansatz ist bewusst so gewählt, dass er die grösste politische Schwachstelle des EZB-Projekts umgeht: die Bedrohung für das Banksystem. Indem die Schweizer Banken selbst Träger des digitalen Frankens werden, haben sie kein Interesse daran, das Projekt zum Scheitern zu bringen. Das ist politisch clever – aber es hat einen Preis.
Denn der Preis heisst Datenschutz. Während eine genuine Zentralbank-Digitalwährung theoretisch anonym ausgestaltet werden könnte – ähnlich wie Bargeld –, ist ein bankbasierter digitaler Franken per Definition vollständig nachverfolgbar. Jede Transaktion, jeder Kauf, jede Überweisung ist dokumentiert. Das entspricht zwar dem Status quo bei Kreditkarten und Twint. Doch der symbolische Unterschied zum Bargeld ist erheblich: Die Schweiz würde ein Stück ihrer historisch gewachsenen Zahlungsanonymität aufgeben.
Diese Spannung ist kein akademisches Problem. Sie wird die politische Debatte in den kommenden Monaten dominieren. Datenschutzorganisationen haben bereits angekündigt, das Projekt kritisch zu begleiten. Und in der Schweiz – wo das Referendum ein scharfes Schwert ist – kann Datenschutz zum Totschlagargument werden.
Die SNB im Hintergrund: Souveränität auf dem Spiel?
Die Schweizerische Nationalbank hält sich in der öffentlichen Kommunikation bewusst zurück. Das ist kein Zufall. Für die SNB ist der digitale Franken ein zweischneidiges Schwert.
Einerseits ist es im Interesse der Nationalbank, dass der Schweizer Franken als Währung auch im digitalen Zeitalter relevant bleibt. Wenn der digitale Euro die Zahlungsinfrastruktur Europas dominiert und der digitale Yuan die asiatischen Handelsströme erfasst, könnte der Franken in seiner Funktion als internationales Zahlungsmittel marginalisiert werden – auch wenn er als Reservewährung und sicherer Hafen geschätzt bliebe.
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Erstgespräch buchen →Andererseits gibt die SNB mit dem bankbasierten Ansatz ein Stück Kontrolle ab. Beim genuinen CBDC würde die Zentralbank die gesamte Geldschöpfung für den digitalen Bereich direkt steuern. Beim Bankenkonsortium-Modell delegiert sie diese Funktion an private Institute – mit all den damit verbundenen Aufsichtsrisiken.
Die SNB erinnert sich noch gut an die Credit-Suisse-Krise von 2023. Damals zeigte sich, wie schnell digitale Abflüsse systemische Risiken erzeugen können. Digitales Geld, das in Echtzeit transferierbar ist, beschleunigt potenzielle Bankruns dramatisch. Die Regulierungsfrage ist deshalb keine technische Fussnote, sondern das Herzstück der ganzen Debatte.
Der internationale Kontext: Zwischen Franken-Stärke und geopolitischer Disruption
Das Timing des Projekts ist bemerkenswert – und nicht ganz frei von Ironie. Während die Schweizer Banken an ihrer digitalen Zukunft bauen, erlebt die globale Finanzordnung durch den Iran-Krieg und die US-Zollpolitik ihre grösste Disruption seit Jahrzehnten. Die Strasse von Hormuz als geopolitische Waffe, der Ölpreisschock, die Fed-Dilemma zwischen Inflation und Rezessionsrisiko – all das schafft ein Umfeld, in dem die Verlässlichkeit des Frankens als sicherer Hafen erneut bestätigt wird.
Genau diese Stärke des Frankens macht den digitalen Franken international interessant. Wenn der digitale Euro durch die geopolitische Fragmentierung Europas an Glaubwürdigkeit verliert – wie wir am 3. April berichteten, hat die Iran-Krise die europäische Handlungsfähigkeit massiv in Frage gestellt –, könnte ein digitaler Franken für internationale Unternehmen attraktiv werden. «Sicherer Hafen» auch im Zahlungsverkehr: Das wäre eine neue Dimension des Frankens als Weltwährung.
Jamie Dimon, Chef von JP Morgan und laut NZZ von der europäischen Handlungsunfähigkeit überzeugt, dürfte diese Entwicklung genau beobachten. Für amerikanische Grossbanken ist ein stabiler digitaler Franken, der grenzüberschreitende Transaktionen in Echtzeit ermöglicht, sowohl Konkurrenz als auch potenzielle Infrastruktur.
Das grosse Bild: Eine historische Parallele zum Bancomaten
Die NZZ-Einschätzung, dass dies die «wichtigste Finanzinnovation seit dem Bancomaten» sei, verdient eine historische Einordnung. Der erste Schweizer Bancomat wurde 1967 in Zürich eröffnet – und stiess zunächst auf erhebliche Skepsis. Wozu brauche man Geld ausserhalb der Bankschalteröffnungszeiten? Die Antwort kennen wir heute.
Die Parallele ist aufschlussreich, aber auch mit Vorsicht zu geniessen. Der Bancomat war eine additive Innovation: Er ergänzte bestehende Zahlungsformen, ohne grundlegende gesellschaftliche Fragen aufzuwerfen. Der digitale Franken ist potenziell disruptiver: Er verändert nicht nur den Zahlungsvorgang, sondern die Beziehung zwischen Bürger, Bank und Staat.
Historisch ist auch ein anderer Vergleich erhellend: die Einführung des Eurogiro-Systems in den 1970er-Jahren und der SWIFT-Infrastruktur in den 1980ern. Damals wurde die internationale Zahlungsinfrastruktur in einem relativ kleinen Konsortium etabliert – und prägte dann Jahrzehnte lang die Weltfinanzordnung. Wer die Standards setzt, bestimmt die Spielregeln.
Genau das steht heute auf dem Spiel. Die Schweiz hat die Chance, mit einem robusten, datenschutzbewussten und politisch legitimen digitalen Franken einen Standard zu setzen, der über die Landesgrenzen hinaus wirkt. Das wäre das Gegenteil von dem, was in den vergangenen Jahren passiert ist: nämlich ausländische Zahlungsstandards – von Visa über Mastercard bis Twint in seiner jetzigen Form – zu importieren, anstatt zu exportieren.

Bild: Bruno Kraler / Pexels
Was bleibt offen – und was als nächstes kommt
Trotz der positiven Signale aus dem Bankenkonsortium bleiben zentrale Fragen unbeantwortet. Erstens: Wann? Ein konkreter Rollout-Zeitplan ist noch nicht kommuniziert. Branchenkenner rechnen mit einem Pilotbetrieb frühestens 2028, einem flächendeckenden Einsatz nicht vor 2030.
Zweitens: Wer reguliert? Die FINMA hat bisher kaum öffentlich zum digitalen Franken Stellung genommen. Die regulatorische Architektur – wer haftet bei technischen Ausfällen, wie werden Geldwäschereibestimmungen durchgesetzt, welche Rolle spielt der Datenschutzbeauftragte – ist noch weitgehend ungeklärt.
Drittens: Was passiert mit dem Bargeld? Die offizielle Linie lautet, der digitale Franken ersetze das Bargeld nicht. Das mag heute stimmen. Doch wenn programmierbare digitale Zahlungen erst einmal zur Norm werden, dürfte der gesellschaftliche Druck, Bargeld abzuschaffen – aus fiskalischen und administrativen Gründen –, erheblich zunehmen. In Schweden, wo die Bargeldnutzung auf unter 10 Prozent gesunken ist, werden bereits politische Gegenbewegungen sichtbar. Die Schweiz täte gut daran, diese Debatte proaktiv zu führen, statt reaktiv.
Wer sich als Schweizer Sparer oder Unternehmer fragt, wie das eigene Finanzleben durch den digitalen Franken verändert werden könnte, findet auf vemo.ch einen Überblick über die wichtigsten Entwicklungen im Schweizer Finanzwesen. Tools wie der Zinseszinsrechner helfen, die langfristigen Auswirkungen veränderter Zins- und Inflationsszenarien – wie sie der digitale Frankenkurs mit sich bringen könnte – konkret durchzurechnen.
Das Projekt digitaler Franken ist keine Science-Fiction mehr. Es ist Schweizer Realpolitik – mit allen Vorzügen und Risiken, die dieser Begriff in sich trägt. Die Banken haben das Startzeichen gegeben. Jetzt liegt es an Parlament, Nationalbank und Gesellschaft, die richtigen Leitplanken zu setzen. Die Zeit drängt: Der digitale Euro kommt. Die Frage ist nur, ob die Schweiz aufholt – oder vorangeht.
Quellen
- NZZ: «Bald kommt Twint 2.0: Die Schweizer Banken entwickeln zusammen einen digitalen Franken», 9. April 2026
- Schweizerische Nationalbank (SNB): «Project Helvetia – Piloting the settlement of tokenised assets in central bank money», SNB Working Paper, 2022–2025
- Europäische Zentralbank (EZB): «Digital Euro – Progress Report», Dezember 2025
- Bank for International Settlements (BIS): «CBDCs: an opportunity for the monetary system», BIS Annual Economic Report, 2021
- NZZ: «Europa ist handlungsunfähig, glaubt Jamie Dimon», 9. April 2026
- FINMA: Jahresbericht 2025, Abschnitt Digitalisierung und Finanzmarktinfrastruktur
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