Termin buchen
Ölpreisschock an Ostern: Wie der Iran-Krieg die Benzinpreise von Zürich bis Islamabad explodieren lässt
← Zurück zum Blog

Ölpreisschock an Ostern: Wie der Iran-Krieg die Benzinpreise von Zürich bis Islamabad explodieren lässt

Wer an diesem Karfreitag am Gotthard im Stau steht – und laut NZZ sind es mehr als 20 Kilometer Blechlawine –, dem dürfte beim Blick auf die Tankanzeige unwohl werden. Die Benzinpreise in der Schweiz schiessen in die Höhe, genau zum Ferienbeginn. Doch was hierzulande ein ärgerliches Ostergeschenk ist, hat anderswo die Dimension einer nationalen Krise angenommen: Pakistan hat die Benzinpreise über Nacht um 43 Prozent angehoben, Bangladesch kürzt Bürozeiten, um Energie zu sparen, Thailand kämpft mit Hamsterkäufen an Tankstellen, und Russland hat den Benzinexport bis Ende Juli komplett verboten. Der Ölpreisschock, den wir seit Wochen dokumentieren, hat eine neue, konkretere Qualität erreicht: Er ist an der Zapfsäule angekommen – überall auf der Welt.

Darum geht's
  • Die Benzin- und Dieselpreise erreichen in zahlreichen Ländern historische Höchststände – ausgelöst durch den Iran-Krieg und die Blockade der Strasse von Hormus.
  • Während die Schweiz und Deutschland über Preissprünge an der Zapfsäule debattieren, greifen Schwellenländer wie Pakistan, Thailand und Bangladesch zu drastischen Notmassnahmen.
  • Russland verbietet den Benzinexport, Iran lässt nur «befreundete Nationen» durch die Meerenge – die Fragmentierung des globalen Ölmarkts beschleunigt sich.
  • Das Muster der Preisschocks zeigt: Die Kosten treffen ärmere Länder überproportional – mit politisch destabilisierender Wirkung.

Schweiz und Deutschland: Rekordpreise treffen Osterreisende

Das Timing könnte kaum ungünstiger sein. Genau an dem Wochenende, an dem Hunderttausende Richtung Süden aufbrechen, erreichen die Spritpreise in der Schweiz und Deutschland neue Höchststände. Die NZZ berichtet, dass die Tankstellen höhere Kosten rasch an die Automobilisten weitergeben – bei Preisnachlässen aber deutlich mehr Zeit lassen. Diese Asymmetrie ist nicht neu, sie ist in der Ökonomie als «Rockets and Feathers»-Phänomen bekannt: Preise steigen wie Raketen, sinken aber wie Federn.

In Deutschland hat der Dieselpreis laut ADAC-Zahlen, die von der FAZ zitiert werden, am zweiten Tag der neuen Spritpreis-Regeln abermals einen Rekordwert erreicht. Die «Wirtschaftsweise» Veronika Grimm plädiert öffentlich für ein Tempolimit als «kluges Signal» angesichts der Preise – ein Vorschlag, der in der deutschen Debatte seit Jahren ideologisch aufgeladen ist, nun aber wirtschaftliche Dringlichkeit erhält. Finanzminister Klingbeil drängt auf weitere Massnahmen.

Auch in Grossbritannien registriert der RAC laut BBC den grössten monatlichen Anstieg der Benzin- und Dieselpreise seit Beginn der Aufzeichnungen im März. Nicht den höchsten Stand – den grössten Sprung in einem einzigen Monat. Das ist ein wichtiger Unterschied: Es geht nicht nur um das Preisniveau, sondern um die Geschwindigkeit, mit der sich die Lage verschlechtert.

Wie wir in unserer Analyse «Iran-Krieg treibt Ölpreis auf Rekordhoch» Ende März aufgezeigt haben, war diese Entwicklung absehbar. Doch zwischen einer abstrakten Warnung vor steigenden Ölpreisen und dem konkreten Schock an der Zapfsäule liegt ein psychologischer Graben, den viele Konsumenten erst jetzt überschreiten.

Südasien im Krisenmodus: Pakistans 43-Prozent-Schock

Was in der Schweiz ein teurer Osterausflug ist, hat in Pakistan das Potenzial einer sozialen Krise. Die Regierung in Islamabad hat die Benzinpreise um 43 Prozent und die Dieselpreise um 55 Prozent erhöht – praktisch über Nacht. Laut Dawn, einer der führenden pakistanischen Zeitungen, versuchte Premierminister Shehbaz Sharif drei Wochen lang, die Preise durch Subventionen stabil zu halten. Doch die Kosten waren untragbar – auch weil der Internationale Währungsfonds (IWF) auf «gezielte Subventionen» statt auf eine Pauschalsubventionierung drängte.

Die Folge ist ein Flickenteppich von Notmassnahmen: Die Provinz Sindh zahlt Motorradfahrern umgerechnet 2'000 Rupien pro Monat als Treibstoffzuschuss. Punjab macht den gesamten öffentlichen Nahverkehr kostenlos – Orange Line, Metro Bus, Speedo Bus. Islamabad folgt mit 30 Tagen Gratis-ÖV. Kleinbauern mit weniger als 25 Acres erhalten eine Dieselsubvention von 1'500 Rupien pro Acre. Die Bahnticketpreise werden landesweit eingefroren, auf Kosten des Bundes. Gleichzeitig hat Pakistan eine Vier-Tage-Arbeitswoche für Regierungsbüros eingeführt, die Treibstoffzuteilung für Dienstwagen halbiert und die Hälfte der Angestellten ins Homeoffice geschickt.

Das ist kein normales Energiemanagement. Das ist Kriegswirtschaft – in einem Land, das nicht einmal am Krieg beteiligt ist.

Noch dramatischer die Lage in Bangladesch: Laut Channel News Asia hat die Regierung die Bürozeiten gekürzt und die Beleuchtung bei Hochzeitsfeiern verboten, um Energie zu sparen. Diese Massnahme mag absurd klingen – doch sie zeigt, wie tief der Ölpreisschock in den Alltag von Schwellenländern eingreift, die kaum über strategische Reserven verfügen.

Asien-Pazifik: Hamsterkäufe, Plastiktüten-Mangel und neue Abhängigkeiten

Thailand kämpft nach Berichten von Channel News Asia mit Benzin-Engpässen, die Premierminister Anutin Charnvirakul auf Hamsterkäufe zurückführt. Die Schuldzuweisung an die Konsumenten ist ein klassisches Muster: Regierungen in Krisensituationen neigen dazu, Panikkäufe für Versorgungsprobleme verantwortlich zu machen, die strukturelle Ursachen haben.

Ein besonders eindrückliches Detail liefert die Straits Times aus Taiwan: Dort herrscht «Plastic Bag Chaos» – eine Knappheit bei Plastiktüten, ausgelöst durch die gestiegenen Ölpreise, die Kunststoffprodukte massiv verteuern. Es sind diese unerwarteten Nebenwirkungen – nicht Benzin, sondern Verpackungsmaterial –, die zeigen, wie tief Erdöl in die modernen Lieferketten eingewoben ist.

Indien wählt derweil einen pragmatischen Weg, der geopolitisch aufgeladen ist. Laut Economic Times sind Indiens Ölimporte aus Russland um 90 Prozent gestiegen, weil die Blockade der Strasse von Hormus die Lieferungen aus dem Nahen Osten erschwert. Die Überschrift der Zeitung – «Hormuz hiccup pushes India back into Russia's arms» – ist bemerkenswert offen formuliert. Neu-Delhi, das seit Beginn des Ukraine-Kriegs eine Balancepolitik zwischen dem Westen und Moskau verfolgt, wird durch den Iran-Krieg faktisch in eine stärkere Russland-Abhängigkeit gedrängt. Die Ironie: Ein US-geführter Krieg, der unter anderem Irans Einfluss brechen soll, stärkt die wirtschaftlichen Beziehungen zwischen Russland und dem wichtigsten demokratischen Staat Asiens.

Russland und die Strasse von Hormus: Die Fragmentierung des Ölmarkts

Zwei Meldungen aus Russland verdienen besondere Aufmerksamkeit. Erstens: Die Moscow Times berichtet, dass Russland den Benzinexport bis zum 31. Juli komplett verboten hat. Die Begründung – Stabilisierung der Inlandsversorgung vor der Frühjahrssaat – klingt harmlos. Doch das Timing inmitten steigender globaler Ölpreise ist kein Zufall. Russland, selbst einer der grössten Ölproduzenten der Welt, zieht seine Exporte vom Markt zurück, was das globale Angebot weiter verknappt.

Was bedeutet das für dein Geld?

Im kostenlosen 30-Min-Erstgespräch zeigen wir dir konkret, was du heute besser machen kannst: provisionsfrei, transparent, ohne Verkaufsdruck.

Erstgespräch buchen →

Zweitens: Ein Berater des Kreml bestätigt laut Moscow Times, dass die Strasse von Hormus für russische Schiffe offen bleibt. Russland, China und Indien gehören demnach zu fünf «befreundeten Nationen», die die Wasserstrasse weiterhin für kommerzielle Schifffahrt nutzen dürfen. Auch ein französisches Containerschiff von CMA CGM hat die Meerenge laut Straits Times passiert – ein Zeichen, dass Iran Frankreich möglicherweise nicht als feindliche Nation einstuft.

Wie wir bereits in unserem Artikel «Strasse von Hormus wird zum Wirtschafts-Nadelöhr» Ende März analysierten, zeichnet sich damit eine geopolitisch kuratierte Schifffahrt ab: Die Meerenge ist nicht für alle geschlossen, sondern selektiv – nach politischer Zugehörigkeit. Das ist eine Fragmentierung des globalen Handels, wie sie die Welt seit dem Kalten Krieg nicht mehr gesehen hat.

Land / RegionMassnahmeSchweregrad
SchweizPreisanstieg an Zapfsäulen, Osterstau am GotthardModerat
DeutschlandDiesel-Rekordpreis, Tempolimit-DebatteModerat
GrossbritannienGrösster monatlicher Preissprung aller Zeiten (März)Erheblich
Pakistan+43% Benzin / +55% Diesel, Gratis-ÖV, 4-Tage-WocheSchwer
BangladeschGekürzte Bürozeiten, BeleuchtungsverboteSchwer
ThailandHamsterkäufe, Engpässe an TankstellenErheblich
TaiwanPlastiktüten-Mangel durch steigende KunststoffpreiseModerat
Indien+90% russische Ölimporte, Umlenkung der LieferkettenErheblich
RusslandBenzin-Exportverbot bis 31. JuliStrukturell

Trumps Eskalationsrhetorik und die Preisspirale

Der unmittelbare Auslöser der jüngsten Preissprünge ist politischer Natur. Die BBC berichtet, dass Trump drohte, Iran «back to the Stone Age» zu bombardieren – ohne jedoch Details zu einer Beendigung des Krieges zu nennen. Die Folge: Ölpreise sprangen erneut nach oben, Aktienmärkte fielen. Laut NZZ nimmt Trump nun auch Brücken und Kraftwerke in Iran ins Visier.

Iran reagiert mit der Drohung «vernichtender» Gegenschläge, wie die Taipei Times unter Berufung auf iranische Quellen meldet. Ein thailändisches Schiff wurde in der Strasse von Hormus angegriffen – Channel News Asia berichtet, dass menschliche Überreste auf dem Wrack gefunden wurden. Ein russischer LNG-Tanker treibt nach Explosionen manövrierunfähig im Mittelmeer, so die Moscow Times.

Jede einzelne dieser Meldungen treibt die Risikoprämie auf Öl weiter nach oben. Die Märkte preisen nicht nur die aktuelle Störung ein, sondern die Wahrscheinlichkeit einer weiteren Eskalation. Und Trumps Rhetorik – Zerstörung statt Diplomatie – gibt den Preisspekulanten täglich neues Futter.

Parallel dazu verschärft die Zollpolitik die Lage: Die BBC berichtet über 100-Prozent-Zölle auf Pharma-Importe in die USA. Die FAZ analysiert, wie Trumps Zolloffensive trotz Rückschläge vor dem Obersten Gerichtshof weitergeht. Wie wir erst heute in unserem Artikel «Ein Jahr Trump-Zölle» bilanziert haben, potenzieren sich Handelsbarrieren und Ölpreisschock gegenseitig – eine toxische Kombination für die Weltwirtschaft.

Das grosse Bild

Wenn man die Vemo-Berichterstattung der letzten sechs Wochen zusammenfasst – von den ersten Ölpreis-Turbulenzen Ende März über die Airline-Krise und Energienotstände in Asien bis hin zum Stagflations-Dilemma der Zentralbanken –, dann zeigt sich ein Muster: Der Ölpreisschock pflanzt sich in konzentrischen Wellen fort. Zuerst die Terminmärkte. Dann die Grosshandelspreise. Dann die Zapfsäulen. Dann die Kunststoffe, die Lebensmitteltransporte, die Düngemittelpreise. Und schliesslich die politische Stabilität ganzer Nationen.

Was diesen Ölpreisschock von früheren unterscheidet – etwa von der Krise 1973 oder dem Preissprung 2022 nach dem Einmarsch in die Ukraine –, ist die gleichzeitige Fragmentierung der Handelsrouten. Die Strasse von Hormus ist nicht für alle geschlossen: Sie ist geopolitisch kuratiert. Russland, China und Indien dürfen passieren. Westliche Schiffe offenbar zum Teil auch, wenn das Herkunftsland als nicht-feindlich eingestuft wird. Es entsteht eine Zweiklassen-Schifffahrt, die den ohnehin angespannten Markt in parallele Sphären spaltet – mit unterschiedlichen Preisen, unterschiedlichen Risiken und unterschiedlichen politischen Kosten.

Die Tabelle weiter oben macht die grösste Ungerechtigkeit dieses Schocks sichtbar: Während die Schweiz und Deutschland über unliebsame Preissprünge debattieren, müssen Pakistan und Bangladesch ihre Gesellschaften im Schnelldurchlauf umorganisieren. Ein Schweizer Autofahrer zahlt am Gotthard mehr für den Tankfüllvorgang. Ein pakistanischer Bauer muss entscheiden, ob er sich die Aussaat leisten kann. Die physische Abhängigkeit von Öl ist in Schwellenländern ungleich grösser – und die fiskalischen Puffer ungleich kleiner. Die Geschichte der Ölpreisschocks lehrt, dass es genau diese Asymmetrie ist, die politische Umwälzungen auslöst. Die iranische Revolution von 1979 war nicht zuletzt eine Folge des Ölbooms und seiner ungleichen Verteilung. Die arabischen Aufstände 2011 wurden durch steigende Brotpreise – getrieben von Energiekosten – mit ausgelöst.

Die entscheidende Frage ist nun, wie lange dieser Zustand anhalten wird. Trump droht mit weiterer Zerstörung, Iran verspricht «vernichtende» Gegenschläge, die Diplomatie steht still. Solange der Krieg andauert und die Strasse von Hormus eine geopolitische Filterstelle bleibt, gibt es keinen Mechanismus, der die Preise nachhaltig senken könnte. Die OPEC-Staaten – von denen einige selbst in den Konflikt verwickelt sind – haben wenig Anreiz, die Produktion massiv zu steigern. Und die strategischen Ölreserven der OECD-Staaten, einst für genau solche Szenarien angelegt, sind nach den Freigaben von 2022 auf historisch niedrigem Niveau.

Was bleibt, ist ein Ölmarkt, der weniger von Angebot und Nachfrage gesteuert wird als von Tweets, Drohungen und der tagesabhängigen Frage, welches Schiff durch welche Meerenge fahren darf. Für die Weltwirtschaft ist das ein Zustand maximaler Unsicherheit – und für die Konsumenten, ob in Zürich, London oder Karatschi, ein Karfreitag mit bitterem Beigeschmack.

Quellenverzeichnis

Vemo Honorarberatung

Provisionsfrei. Transparent. Auf deiner Seite.

Unabhängige Honorarberatung aus der Schweiz — keine versteckten Provisionen, kein Verkaufsdruck. Im kostenlosen 30-Min-Erstgespräch zeigen wir dir konkret, was du heute besser machen kannst.

Kostenloses Erstgespräch buchen Wie Vemo arbeitet
Noch nicht bereit?

Wöchentliches Finanz-Briefing

Erhalte jede Woche unsere Take auf Märkte, Vorsorge & Steuern — direkt in deine Inbox. Kein Spam.