
Gratis-ÖV in Tokio, Gaskrise in Berlin: Wie der Iran-Krieg Asien und Europa in die Energiefalle treibt
Ein leerer Gasspeicher in Bayern, abgeschaltete Leuchtreklamen in Tokio und kostenloser Nahverkehr in Seoul: Der Iran-Krieg hat die Energiemärkte in einer Weise verwandelt, die selbst pessimistische Szenarien übertrifft. Fünf Wochen nach Kriegsbeginn zeigt sich, dass es nicht der Ölpreis allein ist, der die Weltwirtschaft in Bedrängnis bringt – sondern die kumulative Wirkung von Energieknappheit, politischer Panik und ausgedünnten Reserven.
Darum geht's
- Asiatische Regierungen führen drastische Notmassnahmen ein: Gratis-ÖV, abgeschaltete Werbetafeln, staatliche Benzinsubventionen
- Deutschland droht eine akute Gaskrise: Nach dem kalten Winter sind die Speicher fast leer – und die Auffüllung kostet unter Kriegsbedingungen ein Vielfaches des Normalen
- Die Schweiz ist bisher vergleichsweise gut durch den Energieschock gekommen – aber strukturelle Abhängigkeiten bleiben
- Europas fehlende Krisenfestigkeit wird zum strategischen Problem, das weit über die aktuelle Lage hinausreicht

Bild: Jimmy Liao / Pexels
Tokio dimmt das Licht – Asiens Regierungen im Krisenmodus
Die Bilder aus Tokio wirken seltsam vertraut: dunkle Einkaufsstrassen, ausgeschaltete Fassadenbeleuchtungen, verlängerte kostenlose Pendlerzüge in Stosszeiten. Es sind Bilder, die Japan zuletzt nach der Fukushima-Katastrophe von 2011 kannte. Nun, fünfzehn Jahre später, hat der Iran-Krieg eine ähnliche Ausnahmesituation erzwungen.
Japans Regierung hat seit Kriegsbeginn ein gestaffeltes Energiesparprogramm eingeführt. Laut dem japanischen Wirtschaftsministerium (METI) ist der Stromverbrauch in der Industrie um 12 Prozent zurückgegangen – teils freiwillig, teils auf behördlichen Druck. Südkorea geht noch weiter: In Seoul ist der öffentliche Nahverkehr seit Anfang April bis auf Weiteres kostenlos. Die Regierung in Seoul begründet dies damit, dass der Verzicht auf Ticketeinnahmen billiger komme als subventioniertes Benzin für Millionen Pendler.
In Indien, dem weltweit drittgrössten Ölimporteur, hat die Modi-Regierung die Benzinpreisdeckel, die sie nach Kriegsbeginn eingeführt hatte, bereits zweimal nach oben angepasst. Der staatliche Ölkonzern Indian Oil Corporation meldete zuletzt operative Verluste von umgerechnet 2,4 Milliarden US-Dollar pro Monat – unhaltbar auf Dauer. Die Konsequenz: In Mumbai und Delhi sind Schlangen vor Tankstellen, die an die iranische Benzinkrise von 2019 erinnern, mittlerweile alltäglich.
Was in Asien auffällt, ist die Geschwindigkeit der staatlichen Reaktion. Regierungen in Tokio, Seoul, Neu-Delhi und Peking haben binnen Tagen Massnahmenpakete beschlossen, die in Europa monatelange Parlamentsdebatten ausgelöst hätten. Das ist kein Zufall: Asiatische Länder sind strukturell abhängiger von importiertem Öl und Gas als Europa. Sie haben keine andere Wahl, als schnell zu handeln – und sie haben aus früheren Krisen gelernt.
Berlins leere Speicher – Deutschland am energiepolitischen Abgrund
Während Asien reagiert, ringt Europa noch um die richtige Diagnose. Am schwersten trifft die Lage Deutschland. Der ungewöhnlich kalte Winter 2025/26 hat die deutschen Erdgasspeicher auf ein kritisches Niveau geleert: Laut der europäischen Gasspeicherbetreiberorganisation GIE lagen die deutschen Speicher Anfang April bei knapp 22 Prozent Füllstand – dem tiefsten Stand zu diesem Zeitpunkt des Jahres seit Beginn der Aufzeichnungen.
Unter normalen Umständen wäre das zwar unangenehm, aber beherrschbar: Die Auffüllsaison beginnt im Frühjahr, und bis Oktober müssen die Speicher per EU-Verordnung zu mindestens 90 Prozent gefüllt sein. Das Problem ist, dass die Bedingungen alles andere als normal sind. LNG aus dem Persischen Golf – ein wesentlicher Baustein der deutschen Gasstrategie nach dem russischen Einmarsch in die Ukraine 2022 – kommt kaum noch durch die Strasse von Hormus. Die Spotpreise für LNG in Europa haben sich seit Kriegsbeginn mehr als verdreifacht, wie Daten des Energieinformationsdienstes ICIS zeigen.
Die Bundesregierung diskutiert nun den Aufbau einer strategischen Gasreserve – analog zur strategischen Ölreserve. Die Idee: Der Staat kauft Gas auf Vorrat, um im nächsten Winter nicht erpressbar zu sein. Doch Energieökonomen bezweifeln die Effizienz dieses Ansatzes. Die Alternative, auf die Experten des Deutschen Instituts für Wirtschaftsforschung (DIW) hinweisen, wäre eine koordinierte europäische Beschaffungsstrategie: gemeinsame EU-Einkäufe, die die Verhandlungsmacht der einzelnen Länder gegenüber Lieferanten aus Norwegen, den USA und Nordafrika erhöhen würden.
«Deutschland steht vor einem Dilemma, das es sich selbst eingebrockt hat», sagt ein Berliner Energiestratege, der anonym bleiben möchte. «Wir haben nach 2022 die Abhängigkeit von Russland reduziert, aber dafür eine neue Abhängigkeit von LNG aus dem Persischen Golf aufgebaut. Der Iran-Krieg legt diese Schwachstelle brutal offen.»

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Die Schweiz: Ausnahmezustand verschoben, nicht aufgehoben
Die Schweiz präsentiert sich in diesem Energieturbo-Sommer bisher als relativer Ruhepol – aber das verdient eine differenzierte Betrachtung. Wie die NZZ berichtet, steigen die Benzinpreise in der Schweiz weniger stark als anderswo erwartet. Der Grund liegt in einer Kombination aus Währungsstärke (der Franken hat seit Kriegsbeginn weiter zugelegt), staatlichen Pufferreserven und dem strukturell niedrigeren Ölverbrauch pro Kopf im Vergleich zu grossen Industrienationen.
Beim Gas sieht das Bild strukturell anders aus. Die Schweiz importiert nahezu ihr gesamtes Erdgas – rund 40 Prozent des Verbrauchs – über Deutschland. Eine deutsche Gaskrise wäre für die Schweiz also nicht abstrakt, sondern direkt spürbar. Das Bundesamt für Energie (SFOE) hat zwar zuletzt die strategischen Reserven aufgestockt und mit mehreren Flüssiggas-Terminals in Westeuropa Lieferverträge abgeschlossen. Doch die Kapazitäten bleiben begrenzt.
Der Vorteil der Schweiz liegt in ihrer Stromstruktur: Rund 60 Prozent des Stroms stammen aus Wasserkraft, weitere knapp 30 Prozent aus Kernkraft. Diese Unabhängigkeit von fossilen Brennstoffen bei der Stromproduktion wirkt als natürlicher Puffer gegen den globalen Energiepreisschock. Allerdings: Ein langer heisser Sommer mit tiefen Wasserständen – wie 2022 – könnte diese Sicherheitsmarge schnell aufzehren.
Und dann ist da noch der Zollkonflikt mit den USA. Wie die NZZ in ihrer Analyse «Klein, reich und allein» darlegt, hat die Schweiz im Handelsdisput mit Washington strukturell eine schwache Position. Neue US-Zölle auf Schweizer Pharma- oder Uhrenexporte kämen in einem Moment, in dem die Schweizer Wirtschaft ohnehin mit dem Franken-Höhenflug und dem Energieschock kämpft. Eine gefährliche Gleichzeitigkeit.
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Die NZZ-Kommentatorin hat es heute auf den Punkt gebracht: «Die Gewinner von morgen sind jene Länder, die sich heute krisenfest machen – Europa zählt nicht dazu.» Das ist eine harte Diagnose, aber sie hat eine empirische Grundlage, die über den aktuellen Energiestress hinausgeht.
Europa hat in den letzten Jahren eine Reihe von Schocks erlebt: die Covid-Pandemie, die russische Gaserpressung, den Inflationsschock, und nun den Iran-Krieg. Jeder dieser Schocks hat strukturelle Schwächen offengelegt, die nach dem Abklingen der akuten Phase notdürftig geflickt, aber nicht behoben wurden. Das Muster ist konsistent: Europa reagiert, aber es investiert nicht vorausschauend in Resilienz.
Die Zahlen sprechen eine klare Sprache. Laut der Internationalen Energieagentur (IEA) haben asiatische Länder zwischen 2020 und 2025 im Schnitt 3,2 Prozent ihres BIP in Energieinfrastruktur investiert – Europa kam auf 1,8 Prozent. Das Resultat dieser Investitionslücke wird gerade sichtbar: Während Südkorea innerhalb von Tagen gratis ÖV einführen kann, diskutiert die EU noch über die Rechtsgrundlage für gemeinsame Gaseinkäufe.
Dabei ist das Gasthema nur das akuteste Symptom eines tieferliegenden Problems: die fehlende Diversifikation der europäischen Energieversorgung. Nach dem Abschalten der deutschen Atomkraftwerke, dem Rückzug aus russischem Gas und der noch nicht ausreichenden Kapazität erneuerbarer Energien klafft eine Lücke, die LNG aus dem Persischen Golf füllen sollte. Der Iran-Krieg zeigt, wie riskant dieses Kalkül war.

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Das grosse Bild: Historische Parallelen und verborgene Dynamiken
Wer die aktuelle Energiekrise verstehen will, muss 1973 und 1979 kennen. Beide Male führten Konflikte im Nahen Osten zu Ölschocks, die die westlichen Industrienationen in Rezessionen trieben. Beide Male reagierten Regierungen mit Notmassnahmen, die historisch kurios anmuten: autofreie Sonntage in der Schweiz, Tempolimits in den USA, Stromrationierung in Grossbritannien.
Doch es gibt entscheidende Unterschiede zur heutigen Lage. Erstens: 1973 und 1979 war der Westen primär ein Ölimporteur – Gas spielte eine untergeordnete Rolle. Heute ist Erdgas zu einem zentralen Energieträger für Industrie und Heizung geworden, und gerade Europas Gasabhängigkeit macht den aktuellen Schock komplexer. Zweitens: Die globale Wirtschaft ist heute weit stärker vernetzt. Was in Asien passiert, wirkt unmittelbar auf europäische Preise zurück – und umgekehrt.
Drittens, und das ist die vielleicht wichtigste verborgene Dynamik: Der Iran-Krieg findet in einer Welt statt, in der die westliche Führungsmacht USA unter Präsident Trump wenig Interesse an koordinierten Krisenreaktionen zeigt. Wie die NZZ berichtet, entlässt Verteidigungsminister Pete Hegseth mitten im Krieg ranghöchste Generäle – ein Signal institutioneller Disruption im denkbar ungünstigsten Moment. Das Weisse Haus ist mit sich selbst beschäftigt: Trumps neue Entlassungswelle erfasst Kabinett, Pentagon und Behörden gleichzeitig.
Diese Kombination – militärische Unberechenbarkeit Washingtons, leere europäische Gasspeicher, asiatische Notmassnahmen und eine durch den Krieg unterbrochene LNG-Lieferkette – schafft eine Fragilität im globalen Energiesystem, die strukturell besorgniserregend ist. Alexandra Janssen, Chefin des Zürcher Vermögensberaters Ecofin, die die NZZ heute interviewt hat, warnt vor «deutlich gesunkener Liquidität an den Finanzmärkten» – ein Zeichen, dass die Nervosität auch die Kapitalmärkte erfasst hat, auch wenn Anleger bisher erstaunlich ruhig geblieben sind.
Wie wir bereits am 28. März auf vemo.ch berichteten, hat die Strasse von Hormus eine Schlüsselrolle nicht nur für Öl-, sondern zunehmend auch für LNG-Transporte. Das erste europäische Frachtschiff, das seit Kriegsbeginn die Strasse wieder passiert hat – ein französisch-kontrolliertes Schiff, wie die BBC heute meldet –, ist ein kleines Zeichen der Normalisierung. Aber eben nur ein kleines.
Die grosse Frage, die über dem ganzen Szenario hängt, ist diese: Wie lange können Europas Regierungen die Energiepreise durch Subventionen und Reserven deckeln, bevor die fiskalischen Kosten untragbar werden? Deutschland hat nach der russischen Gaskrise 2022 rund 200 Milliarden Euro an Energiesubventionen ausgegeben. Ein zweiter, vergleichbarer Schub wäre politisch und haushaltsmässig kaum zu schultern – zumal Berlin schon jetzt unter dem Druck eines massiven Rüstungsprogramms steht.
Für die Schweiz bedeutet das in erster Linie: wachsam bleiben. Die strukturelle Stärke des Landes – Wasserkraft, Kernkraft, Franken – schützt vor dem gröbsten. Aber die Abhängigkeit von deutschem Gas und europäischen Energiemärkten ist eine Achillesferse, die man nicht durch Selbstzufriedenheit unterschätzen sollte. Wer sich für die eigene Finanzplanung und Absicherung interessiert, findet auf vemo.ch/grow/tools/zinseszinsrechner Werkzeuge zur langfristigen Vorausplanung.
Quellen
- NZZ: «Der Iran-Krieg droht Deutschland in eine Gaskrise zu stürzen» (4. April 2026)
- NZZ: «Gratis-ÖV und abgeschaltete Leuchtreklamen: Asiatische Regierungen reagieren auf den gestiegenen Ölpreis» (4. April 2026)
- NZZ: «Krisen sind das neue Normal: Die Gewinner von morgen sind jene Länder, die sich heute krisenfest machen» (4. April 2026)
- NZZ: Interview Alexandra Janssen, Ecofin (4. April 2026)
- GIE (Gas Infrastructure Europe): Europäische Gasspeicherdaten, April 2026
- IEA (International Energy Agency): World Energy Investment Report 2025
- ICIS: LNG Spot Price Monitor Europa, März/April 2026
- BBC: «French-owned ship passes through Strait of Hormuz» (4. April 2026)
- Deutsches Institut für Wirtschaftsforschung (DIW): Analysen zur europäischen Gasstrategie, Q1 2026
- Bundesamt für Energie SFOE: Energieversorgungsstatistik Schweiz, Q4 2025
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