
Powell vor der Abberufung: Wenn Trump die Unabhängigkeit der Zentralbanken zerstört
Es ist der Satz, den Ökonomen seit Jahrzehnten fürchteten: «Powell sollte gehen – und wenn er nicht geht, werde ich ihn gehen lassen.» Donald Trump sagte ihn am Mittwochabend Schweizer Zeit, beiläufig, fast nebenbei, auf Truth Social. Doch hinter dieser Beiläufigkeit verbirgt sich ein tektonischer Angriff auf das Fundament der modernen Geldpolitik – einen, der in Washington, Frankfurt, London und Bern gleichzeitig Alarmglocken läutet.

Bild: Nicola Vidali / Pexels
Darum geht's
- Trump droht Fed-Chef Jerome Powell öffentlich mit Entlassung, sollte dieser die Zinsen nicht bis Mai senken – eine beispiellose Attacke auf die institutionelle Unabhängigkeit der US-Notenbank.
- Der Bank-of-England-Gouverneur sagte gegenüber der BBC, der nächste Zinsentscheid sei «very very difficult» – der Iran-Energieschock verzerrt alle geldpolitischen Modelle.
- Für die Schweizerische Nationalbank entsteht ein Dilemma: Ein schwacher Dollar bei gleichzeitig hoher Unsicherheit treibt Kapital in den Franken – und erhöht den Druck auf die SNB massiv.
- An der heutigen UBS-Generalversammlung warnte die Bankführung den Bundesrat erneut scharf vor den geplanten Eigenmittelanforderungen – die geopolitische Nervosität gibt ihr dabei ungewollt Rückenwind.
Washington: Ein Präsident gegen seine eigene Notenbank
Jerome Powell hat in seiner Karriere viel erlebt: die Nullzinsära nach der Finanzkrise, die Inflationswelle von 2022, die härteste Zinserhöhungsserie seit vier Jahrzehnten. Doch was sich in den vergangenen 72 Stunden zugetragen hat, ist neu. Trump forderte Powell nicht nur auf, die Zinsen zu senken – er stellte öffentlich seine Absetzung in Aussicht, falls Powell bis Ende Mai nicht handle.
Der rechtliche Hintergrund ist komplizierter, als Trump es darstellt. Der Federal Reserve Act erlaubt die Entlassung eines Fed-Gouverneurs nur «for cause» – also bei nachweisbarem Fehlverhalten, nicht bei politischer Meinungsverschiedenheit. In einem Urteil von 1935 (Humphrey's Executor v. United States) bestätigte der Supreme Court dieses Prinzip für unabhängige Behörden. Allerdings hat der jetzige Supreme Court – konservativ geprägt, mit drei Trump-Nominierungen – in den letzten Jahren signalisiert, dass er diese Doktrin neu bewerten könnte. Der Fall Seila Law v. CFPB (2020) schwächte den Schutz bereits ab. Verfassungsrechtler wie Laurence Tribe von der Harvard Law School warnen seit Monaten, dass ein politisch motivierter Angriff auf Powell vor diesem Gericht möglicherweise Bestand haben könnte – eine Einschätzung, die bis vor Kurzem als abseitig galt.
Powell selbst reagierte bisher mit eiserner Ruhe. In einer schriftlichen Stellungnahme, die seine Pressestelle am Mittwochabend verbreitete, hiess es lapidar: «Der Vorsitzende wird sein Amt bis zum Ende seiner regulären Amtszeit im Mai 2026 ausüben.» Powells Mandat läuft tatsächlich im Mai 2026 aus – womit Trumps Frist paradoxerweise mit dem regulären Amtsende zusammenfällt. Dennoch signalisiert die öffentliche Drohung eine neue Qualität: Sie erschüttert das Marktvertrauen nicht durch eine vollendete Tat, sondern durch die blosse Möglichkeit.
Was treibt Trump an? Ökonomen verweisen auf den einfachen Mechanismus: Der Iran-Krieg hat die Energiepreise auf über 100 Dollar pro Barrel getrieben – wir berichteten über den Ölpreisschock und seine Wirkung auf europäische Volkswirtschaften in unserem Artikel vom 11. April. Steigende Energiepreise verteuern alles: Transport, Produktion, Heizung. Gleichzeitig lahmt das Wachstum. Das klassische Stagflationsdilemma, das Ökonomen seit den 1970ern beschäftigt. Eine Zinssenkung würde zwar kurzfristig Wachstum stimulieren – aber die Inflation weiter anheizen. Powell weiss das, und er handelt entsprechend. Trump sieht vor allem die Wachstumsbremse und will Erleichterung – koste es, was es wolle.
London: Die Bank of England zwischen Ölschock und Politikdruck
Andrew Bailey, Gouverneur der Bank of England, wählte am Mittwoch gegenüber der BBC bemerkenswert offene Worte. Die nächste Zinsentscheidung sei «very very difficult» – eine Formulierung, die im nüchternen Sprachgebrauch der Zentralbankkommunikation einer Alarmwarnung gleichkommt. Bailey benannte klar, was die geldpolitischen Modelle derzeit verzerrt: Der Iran-Energieschock trifft die britische Wirtschaft als Angebotsschock, nicht als Nachfrageschock. Klassische Zinserhöhungen würden die Nachfrage drosseln, aber die Energiepreise nicht senken – ein Instrument für das falsche Problem.
Das ist nicht nur ein britisches Problem. Dieselbe Debatte findet in der Eurozone statt, wo EZB-Präsidentin Christine Lagarde unter wachsendem Druck steht, die Zinsen schneller zu senken, als ihr Mandat der Preisstabilität eigentlich erlaubt. Der Unterschied zu Trumps Vorgehen: In Europa läuft diese Debatte innerhalb institutioneller Grenzen. Niemand droht Bailey oder Lagarde mit Entlassung. Genau das ist der Punkt.
Die Londoner City reagierte auf Trumps Powell-Drohung mit einem Phänomen, das Händler bereits kennen: dem «Powell-Put-Premium». Anleiherenditen für US-Staatsanleihen mit langer Laufzeit stiegen kurz an, während der Dollar abschwächte – ein Signal, dass Marktteilnehmer die institutionelle Glaubwürdigkeit der Fed bereits einzupreisen begonnen haben. Langfristige Dollar-Anleihen gelten nur dann als sicher, wenn die hinter ihnen stehende Währung von einer glaubwürdigen, unabhängigen Geldpolitik gestützt wird.

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Bern und Zürich: SNB im Zangengriff, UBS im Gegenwind
Für die Schweizerische Nationalbank ist die Situation besonders heikel. Der Franken ist in Krisenzeiten bekanntlich die bevorzugte Fluchtwährung der Welt – und gleich mehrere Krisen überlagern sich derzeit: der Iran-Krieg, die Energieunsicherheit, und nun ein potenzielles institutionelles Erdbeben in der wichtigsten Zentralbank der Welt. Ein geschwächtes Vertrauen in den Dollar treibt Kapital in den Franken. Das stärkt zwar die Kaufkraft der Schweizer Konsumenten, schadet aber dem exportorientierten Industrie- und Pharmasektor massiv.
SNB-Präsident Martin Schlegel befindet sich damit in einem Dilemma, das er nicht selbst geschaffen hat. Die SNB hat ihren Leitzins bereits auf 0,25 Prozent gesenkt – eine weitere Senkung in negatives Terrain würde Erinnerungen an die Negativzinsphase 2015–2022 wecken, die das Schweizer Bankensystem erheblich belastete. Zugleich kann die SNB nicht tatenlos zusehen, wie der Franken aufwertet und die Exportwirtschaft würgt. Sika, Sulzer und Givaudan – Unternehmen, die wir am 16. April in unserem Artikel über die Iran-Kriegsfolgen für die Schweizer Industrie analysierten – leiden bereits unter dem Nachfrageeinbruch in der Golfregion. Ein starker Franken wäre ein zusätzlicher Schlag.
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Erstgespräch buchen →Zeitgleich fand heute die Generalversammlung der UBS statt – und die Warnung der Bankführung an den Bundesrat verdient vor diesem Hintergrund besondere Aufmerksamkeit. UBS-Verwaltungsratspräsident Colm Kelleher und CEO Sergio Ermotti bekräftigten: Die geplanten Eigenmittelanforderungen des Bundesrats – die UBS-Tochtergesellschaften zu einer erheblichen Kapitalerhöhung zwingen würden – stellten die internationale Wettbewerbsfähigkeit der Bank infrage. «Es ist unsere Pflicht, geeignete Optionen sorgfältig zu prüfen», sagte Ermotti laut NZZ – eine kaum verhüllte Drohung, Funktionen ins Ausland zu verlagern.
Was hat das mit Powell zu tun? Der Zusammenhang ist subtil, aber real: In einem Umfeld, in dem das institutionelle Vertrauen in die wichtigste Zentralbank der Welt erschüttert wird, steigen die systemischen Risiken für alle grossen Finanzinstitute. Die UBS, die als global systemrelevante Bank («G-SIB») eingestuft ist, befindet sich an der Schnittstelle zwischen Schweizer Regulierung, internationalem Kapitalmarkt und einer Dollar-dominierten Finanzarchitektur. Jede Erschütterung dieser Architektur macht die Argumente für und gegen höhere Eigenmittel komplexer – und die Verhandlungsposition der UBS gegenüber Bern paradoxerweise stärker.
Das grosse Bild: Die 1970er kehren zurück – mit einem neuen Feind
«Jeder Trade an der Börse ist ein Öl-Trade», titelte die NZZ diese Woche – und erinnerte damit an die Ölkrisen der 1970er Jahre. Der Vergleich ist richtig, reicht aber nicht weit genug. In den 1970ern waren die Zentralbanken nicht unabhängig; politischer Druck auf die Geldpolitik war die Norm, nicht die Ausnahme. Die verheerenden Inflationsspiralen jener Jahre – mit US-Inflationsraten von über 14 Prozent im Jahr 1980 – führten direkt zur Einsicht, dass Geldpolitik von kurzfristigem politischen Kalkül entkoppelt werden müsse. Paul Volcker, Powells berühmtester Vorgänger, hob die Zinsen auf 20 Prozent – gegen den erbitterten Widerstand von Präsident Carter und dann Reagan. Er brach damit die Inflation. Und er konnte es tun, weil seine Unabhängigkeit letztlich respektiert wurde.
Was Trump jetzt tut, ist der Versuch, genau dieses institutionelle Gedächtnis auszulöschen. Die Ironie ist bitter: Ausgerechnet in einem Moment, in dem ein Angebotsschock (Energiepreise) und ein Nachfrageschock (Unsicherheit, Investitionsstopp) gleichzeitig wirken – also in dem Moment, in dem geldpolitische Weisheit am dringendsten gebraucht wird – wird die Institution, die sie verkörpern soll, politisch destabilisiert.
Die historischen Parallelen gehen tiefer. Der türkische Präsident Erdoğan entliess zwischen 2019 und 2021 drei Zentralbankchefs, weil sie seine unorthodoxe Niedrigzinstheorie nicht teilten. Die Folge: die Lira kollabierte, die Inflation explodierte auf über 85 Prozent. Das Iran-Kapitel kennen Leserinnen und Leser von Vemo bereits aus unserem Artikel vom 13. April – der Rial liegt bei 1,58 Millionen pro Dollar, ein direktes Produkt von Sanktionen und institutionellem Verfall. Diese Beispiele sind keine Analogien für die USA – Amerika ist nicht die Türkei, und der Dollar ist nicht der Rial. Aber sie zeigen, wo die Reise hinführt, wenn institutionelles Vertrauen erst einmal erodiert: langsam, dann plötzlich.
Was bleibt, ist die Frage, die Ökonomen, Juristen und Zentralbanker weltweit beschäftigt: Gibt der Supreme Court Trump recht, sollte er tatsächlich Powell entlassen? Und was passiert mit dem Dollar, wenn er es tut? Eine Entlassung Powells – oder auch nur die glaubwürdige Drohung damit – würde eine fundamentale Neubewertung des Dollar als Reservewährung erzwingen. Es wäre kein kurzfristiger Schock, sondern eine strukturelle Verschiebung: weg vom Dollar, hin zu Alternativen. Gold. Franken. Möglicherweise sogar Bitcoin – wobei die Debatte um die Krypto-Infrastruktur, die wir in unserem Artikel vom 8. April analysierten, in einem solchen Szenario eine ganz andere Dringlichkeit bekäme.

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Was heute in Washington begonnen hat, ist mehr als ein Tweet eines unberechenbaren Präsidenten. Es ist ein Test für die Widerstandsfähigkeit jener Institutionen, die seit 1980 die Grundlage stabiler Volkswirtschaften bilden. Dieser Test ist noch nicht entschieden. Aber er hat begonnen.
Quellen
- NZZ, «Kurzmeldungen Wirtschaft: Trump droht Fed-Chef Powell mit Entlassung», 16. April 2026
- BBC News, «Bank boss tells BBC he won't rush interest rate rises», 16. April 2026
- BBC News, «Trump threatens to fire Fed chair Powell if he doesn't leave in May», 16. April 2026
- NZZ, «UBS-Spitze gibt eine weitere Warnung an den Bundesrat ab», 16. April 2026
- NZZ, «'Jeder Trade an der Börse ist ein Öl-Trade'», 16. April 2026
- Federal Reserve Act, 12 U.S.C. § 242 (Amtsschutz Fed-Gouverneure)
- US Supreme Court, Humphrey's Executor v. United States, 295 U.S. 602 (1935)
- US Supreme Court, Seila Law LLC v. Consumer Financial Protection Bureau, 591 U.S. 197 (2020)
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