
Alarm bei der Tellco PK: Warum der Pensionskassen-Skandal das ganze System bedroht
Ein stiller Donnerschlag erschüttert die Schweizer Vorsorgewelt: Die Aufsichtsbehörde über die berufliche Vorsorge hat den Stiftungsrat der Tellco PK kurzerhand suspendiert. Es ist ein Eingriff, der im Schweizer Pensionskassensystem fast ohne Präzedenz dasteht – und genau deshalb mehr verrät, als die zuständigen Behörden öffentlich zugeben wollen.
Darum gehts
- Die Aufsichtsbehörde BVS hat den Stiftungsrat der Tellco PK suspendiert – ein beispielloser Schritt im Schweizer Pensionskassensystem.
- Sammelstiftungen wie die Tellco PK verwalten rund drei Viertel der Gelder aller aktiv Versicherten in der zweiten Säule.
- Das Modell der Sammelstiftung ist strukturell fehleranfällig: geringe Transparenz, diffuse Verantwortung, starke Interessenkonflikte.
- Für Millionen Versicherte stellt sich jetzt die Frage: Wer beaufsichtigt eigentlich die Aufseher?

Bild: MART PRODUCTION / Pexels
Die Tellco PK ist keine Kleinigkeit am Rand des Schweizer Vorsorgesystems. Sie gehört zu den grösseren Sammelstiftungen des Landes und verwaltet die Altersgelder von tausenden Versicherten aus kleinen und mittleren Unternehmen. Genau das macht den behördlichen Eingriff so brisant: Wenn der Stiftungsrat einer Institution dieser Grösse handstreichartig abgesetzt wird, dann ist die Frage nicht, ob etwas schiefgelaufen ist – sondern wie gravierend.
Die Aufsichtsbehörde BVS (Bernische BVG- und Stiftungsaufsicht) hat sich bislang bedeckt gehalten. Die offiziellen Verlautbarungen sind knapp, der Verweis auf laufende Untersuchungen ist standardisiert. Doch gerade dieses Schweigen spricht Bände. Im Schweizer Behördenkosmos ist Transparenz in Pensionskassenangelegenheiten traditionell begrenzt – ein System, das im Normalbetrieb gut funktioniert, aber in der Krise gefährlich blind macht.
Was bei der Tellco PK schiefgelaufen ist – und was wir (noch) nicht wissen
Die konkreten Vorwürfe gegen den suspendierten Stiftungsrat der Tellco PK sind zum jetzigen Zeitpunkt nicht vollständig öffentlich. Was bekannt ist: Die Aufsicht hat eingegriffen, weil nach ihrer Einschätzung die Interessen der Versicherten nicht mehr hinreichend gewahrt waren. Das ist die bürokratische Umschreibung für einen Zustand, der im Klartext lauten könnte: Misswirtschaft, Interessenkonflikte, oder beides.
Die NZZ berichtete am 10. April 2026, dass der Eingriff der Aufsicht «ein Alarmzeichen» für den gesamten Bereich der Sammelstiftungen sei. Das ist keine journalistische Übertreibung, sondern eine strukturelle Diagnose. Denn das eigentliche Problem liegt tiefer als die Tellco PK selbst.
Sammelstiftungen – auch Gemeinschaftsstiftungen genannt – funktionieren nach einem Prinzip, das man wohlwollend «effizient» nennen kann, und das man kritisch als «intransparent» bezeichnen muss. Mehrere hundert, manchmal tausende Arbeitgeber schliessen sich einer einzigen Stiftung an, um gemeinsam die berufliche Vorsorge ihrer Mitarbeitenden zu organisieren. Das spart Kosten, bündelt Risiken – und verteilt die Verantwortung so breit, dass sie im Streitfall schwer zuzuordnen ist.
Drei Viertel aller Gelder – ein strukturelles Klumpenrisiko
Hier liegt der Kern des Problems: Drei Viertel aller aktiv Versicherten in der beruflichen Vorsorge der Schweiz stecken in Sammelstiftungen (Bundesamt für Sozialversicherungen, BFS 2025). Das sind Millionen von Arbeitnehmenden – Kellner, Coiffeure, IT-Freelancer, Verkäuferinnen – die ihre Altersvorsorge einer Institution anvertraut haben, die sie nie gewählt haben, kaum kontrollieren können und von der viele nicht einmal wissen, dass sie existiert.

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Im Gegensatz zu firmeneigenen Pensionskassen – wie jene von Nestlé, Novartis oder den SBB – haben Versicherte in Sammelstiftungen strukturell weniger Mitsprache. Zwar schreibt das Gesetz (BVG Art. 51) paritätische Verwaltung vor: Arbeitnehmer und Arbeitgeber sollen je zur Hälfte im Stiftungsrat vertreten sein. Doch in der Praxis ist diese Parität oft eine formale Hülle. Die Arbeitnehmervertreter kennen das Pensionskassenwesen oft kaum, die Arbeitgebervertreter werden von Versicherungsunternehmen oder Verwaltungsgesellschaften dominiert, die eigene kommerzielle Interessen haben.
Die Verwaltungskosten in Sammelstiftungen sind zwar nominal tief – ein häufig genanntes Argument für das Modell. Doch die Renditen auf den angelegten Geldern können stark variieren, und die Anlagestrategien sind für externe Beobachter schwer zu durchleuchten. Die Deckungsgrade – also das Verhältnis von Vermögen zu Verpflichtungen – schwanken, und in einem turbulenten Marktumfeld wie dem aktuellen (der Iran-Krieg hat die Finanzmärkte seit Wochen in Atem gehalten, wie wir am 3. April 2026 berichteten) können auch solide wirkende Stiftungen schnell unter Druck geraten.
Das Aufsichtssystem: Kantonal zersplittert, föderalistisch überfordert
Ein weiteres Strukturproblem ist die Aufsicht selbst. In der Schweiz sind Pensionskassen kantonal beaufsichtigt – eine Folge des Föderalismus, der in anderen Bereichen seine Vorzüge hat, bei systemrelevanten Finanzinstitutionen aber zu Ungleichgewichten führt. Grosse Sammelstiftungen mit nationaler Reichweite unterstehen der Oberaufsicht des Bundes (OAK BV), werden aber von kantonalen Behörden direkt beaufsichtigt.
Diese Aufsichtsbehörden sind ressourcenmässig nicht mit der Finma vergleichbar, die Banken und Versicherungen beaufsichtigt. Sie haben oft weniger Personal, weniger IT-Kapazität und weniger Durchschlagskraft. Dass nun ausgerechnet die BVS (eine der grösseren kantonalen Aufsichtsbehörden) einen so drastischen Schritt unternommen hat wie die vollständige Suspendierung eines Stiftungsrats, deutet darauf hin, dass die Situation intern schon länger eskaliert war.
Die Oberaufsichtskommission OAK BV veröffentlichte zuletzt in ihrem Jahresbericht 2024 Zahlen, die aufhorchen lassen: Die Zahl der Stiftungen unter «verstärkter Aufsicht» hat sich in zwei Jahren mehr als verdoppelt. Das ist kein Zufall – es ist die Folge eines Zinsumfelds, das jahrelang Pensionskassen zu immer riskanter werdenden Anlagestrategien verleitet hat, kombiniert mit einem Governance-System, das Kontrolle strukturell erschwert.
Die politische Dimension: Ein System unter Druck
Der Zeitpunkt des Tellco-Debakels ist politisch brisant. Das Schweizer Parlament hat erst im vergangenen Jahr nach jahrelangem Ringen die BVG-Reform verabschiedet – eine Vorlage, die vor allem Teilzeitarbeitende (überproportional Frauen) besser in die zweite Säule einbeziehen soll. Die Reform tritt 2027 in Kraft.
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Erstgespräch buchen →Doch was nützt eine bessere Deckung, wenn das System, das die Gelder verwaltet, strukturell fehleranfällig ist? Diese Frage dürfte in Bundesbern in den kommenden Wochen lauter gestellt werden. Linke Parteien und Gewerkschaften werden den Tellco-Fall als Argument für mehr staatliche Kontrolle, mehr Transparenz und stärkere Vertretung der Versicherten nutzen. Bürgerliche Kreise werden auf die Eigenverantwortung der Stiftungen und die Subsidiariät des Föderalismus verweisen.
Was beide Seiten nicht bestreiten können: Das Vertrauen in Sammelstiftungen ist beschädigt. Und Vertrauen ist das einzige Fundament, auf dem ein Altersvorsorgesystem langfristig stehen kann.

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Was Versicherte jetzt wissen müssen
Für die Versicherten der Tellco PK gilt zunächst: Ihr Geld ist nicht weg. Das Schweizer Recht schreibt vor, dass Pensionskassengelder vom Vermögen der Trägerschaft getrennt sind – im Unterschied zu Bankeinlagen sind sie also kein Schuldnervermögen, das im Konkursfall verloren gehen kann. Die Aufsicht hat zudem einen Sachwalter eingesetzt, der die laufenden Geschäfte weiterführt.
Längerfristig stellt sich aber die Frage der Rendite, der Deckungsgrade und der Anlagestrategie. Diese Fragen können Versicherte in Sammelstiftungen kaum direkt beeinflussen – sie können aber informierte Fragen stellen. Jede Pensionskasse ist gesetzlich verpflichtet, ihren Versicherten einen jährlichen Ausweis zuzustellen, der den Deckungsgrad, die Umwandlungssätze und die Verwaltungskosten ausweist.
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Das grosse Bild: Ein Systemversagen in Zeitlupe
Der Fall Tellco PK ist kein Einzelfall, sondern ein Symptom. Das Schweizer Pensionskassensystem wurde in den 1980er Jahren für eine Welt konzipiert, in der Arbeitsverhältnisse lebenslang stabil, Zinsen real positiv und Anlagerisiken überschaubar waren. Alle drei Prämissen sind hinfällig.
Die Arbeitswelt ist fragmentierter geworden: Mehr Teilzeitarbeit, mehr Selbständigkeit, mehr Jobwechsel. Jeder Wechsel kostet Freizügigkeitskapital, das zwischen den Stiftungen hin- und hergeschoben wird – mit Transaktionskosten und zeitlichen Lücken in der Deckung. Das Zinsumfeld war ein Jahrzehnt lang so niedrig, dass Stiftungen in illiquide Anlagen, Private Equity und Immobilien ausgewichen sind, um überhaupt noch die versprochenen Leistungen finanzieren zu können. Und die Anlagerisiken sind durch die Verflechtung der Kapitalmärkte weltweit größer geworden.
Dazu kommt: Die Governance-Strukturen haben mit dieser Komplexität nicht Schritt gehalten. Ein Stiftungsrat, der paritätisch besetzt sein soll, aber de facto von professionellen Verwaltungsgesellschaften dominiert wird; eine Aufsicht, die kantonal zersplittert und ressourcenmässig limitiert ist; eine Versichertenbasis, die strukturell wenig Mitsprache hat – das ist ein System, das in ruhigen Zeiten funktioniert, in turbulenten Zeiten aber vergleichsweise fragil ist.
Der historische Vergleich liegt auf der Hand: In den frühen 2000er Jahren erschütterten Unterdeckungen bei zahlreichen Pensionskassen die Schweiz – damals infolge des Börseneinbruchs nach der Dotcom-Blase. Die Politik reagierte mit Reformen, die das System stabilisierten, aber die strukturellen Schwächen nicht beseitigten. Die Finanz- und Schuldenkrise 2008–2012 brachte eine neue Runde von Unterdeckungen. Und jetzt, inmitten eines Ölpreisschocks durch den Iran-Krieg, sinkenden Aktienmärkten und einem Zinsumfeld, das zwar höher als in den 2010er Jahren, aber keineswegs stabil ist, meldet das System erneut Ermüdungserscheinungen.
Die Frage ist nicht ob das Schweizer Vorsorgesystem reformbedürftig ist – das ist Konsens. Die Frage ist, ob es genug politischen Willen gibt, die wirklich schwierigen Reformen anzugehen: mehr Transparenz für Sammelstiftungen, stärkere Aufsichtskapazitäten, und eine ehrliche Diskussion darüber, welche Renditeversprechen in einer Welt mit alternder Bevölkerung und volatilen Märkten überhaupt noch realistisch sind.
Der Tellco-Fall ist eine erzwungene Pause in diesem Verdrängungs-Spiel. Ob sie zum Nachdenken genutzt wird oder bald wieder vergessen ist, wie es nach jedem früheren Vorsorge-Skandal geschehen ist – das wird sich zeigen.
Quellen
- NZZ: «Wirbel um die Pensionskasse Tellco PK – das Einschreiten der Aufsicht ist ein Alarmzeichen», 10. April 2026
- Bundesamt für Sozialversicherungen (BSV): Schweizerische Sozialversicherungsstatistik 2025, Kennzahlen berufliche Vorsorge
- Oberaufsichtskommission Berufliche Vorsorge (OAK BV): Jahresbericht 2024
- Bundesgesetz über die berufliche Alters-, Hinterlassenen- und Invalidenvorsorge (BVG), insbesondere Art. 51 (paritätische Verwaltung) und Art. 53d (Liquidation)
- Swisscanto Pensionskassenstudie 2025: Strukturen und Entwicklungen im Schweizer Vorsorgesystem
- Finma: Jahresbericht 2024, Abschnitt zur Aufsicht über Lebensversicherungen im Bereich BVG
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